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Unternehmen müssen mehr selbst ausbilden
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Praktiker statt Akademiker

Theorie und Praxis: Mit vereinten Kräften zum Erfolg

Teil 2: Theorie und Praxis vereint als Grundlage für beruflichen Erfolg

Oettinger erzählt, wie ihn vor allem die Kollegen aus den osteuropäischen Ländern um die duale Ausbildung beneiden. "Es ist weiterhin die beste Grundlage für beruflichen Erfolg, Theorie und Praxis zu vereinen", sagt er bei der Ehrung. Was, allen Akademisierungswahn zum Trotz, auch Unternehmer und Akademiker zugeben. Zumindest beklagen beide den fehlenden Praxisbezug des Studiums in Deutschland. Die einen brechen ihr Studium deswegen ab, die anderen schimpfen über die Berufseinsteiger, die zwar gute Theoretiker, aber keine guten Arbeiter sind.

Außerdem halten mehr Lehrlinge ihre Ausbildung durch als Studierende. Jede vierte Ausbildung endet vorzeitig beziehungsweise der Azubi wechselt doch noch mal den Lehrberuf – besonders häufig satteln angehende Restaurantfachleute, Sicherheitskräfte und Köche um.

Hohe Abbrecherquote wegen schlechter Berufsorientierung

Bei den Akademikern bricht jeder Dritte ab, wie eine repräsentative Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zeigt. In mathematisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen ist die Abbrecherquote mit 39 Prozent an Universitäten und 42 Prozent an Fachhochschulen besonders hoch.

Knapp die Hälfte aller Abbrecher verlassen in den ersten beiden Semestern die Hochschule, weitere 29 Prozent im dritten oder vierten Semester. Die überwiegende Mehrheit der Studienabbrecher (43) macht dann: eine Berufsausbildung. 31 Prozent gehen ohne Abschluss arbeiten.

"Der frühe Zeitpunkt eines Studienabbruchs und der schnelle Wechsel in eine Ausbildung weisen darauf hin, dass viele junge Menschen noch nicht genau wissen, welchen Berufsweg sie einschlagen möchten", sagte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) bei der Präsentation der DZHW-Studie. "Das zeigt, wie wichtig eine gute Berufsorientierung bereits in der Schulzeit ist."

Unternehmen sollten mehr selbst ausbilden

Das sagt auch DIHK-Ausbildungsexpertin Esther Hartwich. Sie rät Unternehmen, Schülerpraktika anzubieten, damit sich potentielle Auszubildende und Unternehmen kennenlernen können. Gerade in den Schulen sollte die Berufsberatung intensiviert werden – auch an den Gymnasien. Schließlich ist eine Berufsausbildung nicht nur etwas für Haupt- und Realschüler. Wie die Zahlen zeigen, ist die Berufsausbildung für Studienabbrecher eine sinnvolle Option. Warum also nicht schon im Gymnasium um die werben, die in einer Ausbildung besser aufgehoben sind, als im Hörsaal? Und die letztlich doch in der Berufsschule landen – frustriert über ihren Misserfolg an einer Uni.

Deshalb wollen die deutschen Unternehmen in Zukunft wieder mehr auf Eigengewächse setzen, wie der DIHK-Arbeitsmarktreport zeigt. Jedes zweite Unternehmen will künftig noch mehr junge Menschen ausbilden, um so die individuelle Fachkräftelücke zu schließen. "Die Unternehmen in Deutschland forcieren ihr Engagement in der Ausbildung", bestätigt Schweizer. "Denn schon jetzt ist der Fachkräftemangel für mehr als jeden zweiten Betrieb ein Geschäftsrisiko."

Hartwich ergänzt: "Unternehmen bieten leistungsstarken Jugendlichen attraktive Zusatzangebote, wie Auslandsaufenthalte oder Zusatzqualifikationen. Darüber hinaus fördern und begleiten sie vielfach leistungsschwächere Azubis in der Ausbildung." Insgesamt investiere die deutsche Wirtschaft jedes Jahr rund 23 Milliarden Euro, wie Hartwich erzählt. "Das ist ein maßgeblicher Beitrag zur Fachkräftesicherung." Der aber alleine nicht genüge. Man müsse noch mehr gegen die Vorurteile in den Köpfen vieler Schüler und Eltern tun und nicht nur das Hochschulstudium als alleinseligmachende Berufsqualifikation anpreisen, sagt sie. "Insbesondere die Abschlüsse der Höheren Berufsbildung, also Meister oder Fachwirte, bieten gute Verdienstmöglichkeiten und schützen noch besser vor Arbeitslosigkeit als ein Studium."

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