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Unternehmen müssen mehr selbst ausbilden
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Praktiker statt Akademiker

Theorie und Praxis: Mit vereinten Kräften zum Erfolg

Kerstin Dämon, wiwo.de
Mehr als 300.000 Azubis haben 2017 ihre Ausbildung beendet. Doch das reicht nicht, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Schuld ist der Akademisierungswahn – die Unternehmen brauchen mehr Praktiker. Da hilft nur, sich den Nachwuchs selbst heranzuziehen.
Als Günther noch jung war, da war die Welt noch in Ordnung. Als er 1972 in Korntal im Landkreis Ludwigsburg sein Abitur machte, da sah Europa noch anders aus. Es gab Grenzen und verschiedene Währungen, die Preispolitik war eine andere – 300 Gramm Gänseleber kosteten in Straßburg auf dem Markt zwölf Francs. Heute entspräche das 1,82 Euro. Auch der Arbeitsmarkt unterschied sich deutlich vom heutigen, erzählt Günther.

Der EU-Kommissar für Haushalt und Personal, Nachname Oettinger, steht vor 213 jungen Menschen im Berliner Hotel Maritim. Sie sind in ihren Berufen zu den besten Auszubildenden Deutschlands gekürt worden – unter mehr als 300.000 Prüfungsteilnehmern.

"Den Bundesbesten gebührt meine größte Anerkennung und mein Respekt", sagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). "Dennoch ist der Blick auf unseren deutschen Ausbildungsmarkt nicht ungetrübt: Für junge Menschen wird es zwar immer leichter, einen Ausbildungsplatz zu finden. Für Unternehmen aber wird es immer schwerer, ihre offenen Ausbildungsplätze zu besetzen", bilanzierte Schweizer. In jedem dritten Betrieb blieben inzwischen Ausbildungsplätze unbesetzt, fast jeder zehnte IHK-Ausbildungsbetrieb habe im vergangenen Jahr nicht einmal eine einzige Bewerbung erhalten.

Bewerber mit dualer Berufsausbildung sind schwer gefragt

Und hier sind wir wieder bei Oettingers Erkenntnis, dass die Welt heute ganz anders aussieht, als zu der Zeit, als er 16 Jahre alt war. Denn was für die Azubis gut ist, weil sie sich die Stellen vermeintlich aussuchen können, wird für die Unternehmen zum bösen F-Wort: Denn die meisten Unternehmen, die vakante Stellen nicht besetzen können, suchen keine Akademiker, sondern Fachkräfte mit Berufsausbildung. Das zeigt der DIHK-Arbeitsmarktreport 2017. Jedes zweite Unternehmen, das erfolglos Bewerber sucht, braucht Arbeitskräfte mit einer dualen Berufsausbildung. Seit 2014 stehen die ganz oben auf der Fahndungsliste der Personaler. Besonders im Gastgewerbe (68 Prozent), im Ausbaugewerbe (61 Prozent), im Einzelhandel (60 Prozent) sowie bei Herstellern von Metallerzeugnissen (55 Prozent) haben Menschen mit einer entsprechenden Ausbildung quasi Jobgarantie. Zum Vergleich: Die bis 2012 raren Hochschulabsolventen sind heute nur noch in rund jedem dritten Unternehmen knapp.

Viele Firmen suchen deshalb verstärkt im benachbarten Ausland nach Arbeitskräften. So gibt es beispielsweise im polnischen Arbeitsamt in Gorzów Wielkopolski im Grenzgebiet zu Brandenburg Infotage für Firmen aus Deutschland und Arbeitnehmer aus Polen, die sich vom jeweils anderen die Rettung versprechen. Kerstin Kieper von der Firma Manpower Group Deutschland sucht hier Lastwagenfahrer und Gabelstaplerfahrer im Logistikbereich. "Es wird immer schwieriger, Fachpersonal zu bekommen und deshalb suchen wir auch weiter weg", sagt sie.

Anderen Ländern werden die Arbeitskräfte gestohlen

Damit ist sie nicht allein: Von der Arbeitsagentur im sächsischen Bautzen heißt es: "Die Bereitschaft der Oberlausitzer Unternehmen, auch polnische oder tschechische Arbeitskräfte einzustellen, ist über die Jahre hinweg gestiegen." Seit Frühjahr 2012 habe sich die Zahl der polnischen Arbeitnehmer im Agenturbezirk bis heute fast versechsfacht. Im März seien es fast 5400 gewesen.

Im selben Monat haben in Deutschland nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit rund 366.400 Polen gearbeitet. 2012 waren es 157.000. Ein Arbeitsagentur-Projekt in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg wirbt um polnische Auszubildende.

Die Folge: Auch der polnischen Wirtschaft fehlen mittlerweile Kräfte – vor allem im Gesundheitswesen. Weitere Arbeitskräfte abzuwerben ist also keine Lösung für das deutsche Fachkräfteproblem, es verschiebt es lediglich über die Grenze zu den Nachbarn. Ganz davon abgesehen, dass nicht jede Vermittlung funktioniert. Mal liegt es an fehlenden Deutschkenntnissen, mal an den beruflichen Qualifizierungen. Denn, und da ist man sich nicht nur im Berliner Maritim einig, das deutsche duale Ausbildungssystem ist weltweit führend.

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