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Stress
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Stress einfach umwandeln

"Stress ist, was du draus machst"

Jan Guldner, wiwo.de
Hektik und Termindruck sind schädlich? Von wegen. Ja, Stress kann krank machen, aber eine Reihe neuer Studien zeigt: Mit der richtigen Attitüde macht Stress auch produktiv.
Wer viel zu tun hat, neigt gerne mal zum Jammern – und mit jedem zusätzlichen Punkt auf der To-do-Liste wird das Klagelied ein paar Dezibel lauter. Keith Wilcox hat dafür wenig Verständnis. In einer neuen Studie zeigt der Psychologe von der Columbia-Universität in New York: Wer viel beschäftigt ist, kann sich glücklich schätzen. Denn je mehr man zu tun hat, desto mehr schafft man auch.

Wilcox untersuchte die Daten einer Zeitmanagement-App von rund 28.000 Menschen. Und entdeckte ein interessantes Muster: Zwar verpassten die Personen immer mal wieder eine Deadline. Doch manche ließen sich davon nicht entmutigen und arbeiteten umso fleißiger weiter – falls sie noch andere Aufgaben hatten.

Je mehr Arbeit, desto produktiver?

Die verpasste Frist, gepaart mit dem schlechten Gewissen einer unerledigten Herausforderung, steigerte die Motivation. Und führte letztlich dazu, dass die Menschen die angefangene Aufgabe schneller erledigten als ihre weniger stark beschäftigten Kollegen. Wilcox ist sich der Brisanz seiner Studie bewusst: "Manager könnten feststellen, dass ihre Angestellten eher produktiv sind, wenn sie ihnen mehr Arbeit geben – und nicht weniger."

Der Angestellte wächst mit seinen Aufgaben, also schütte man ihn mit Arbeit zu? So einfach ist es auch wieder nicht.
 
Doch tatsächlich findet in der Wissenschaft derzeit ein Paradigmenwechsel statt, der an unserer Vorstellung von Stress rüttelt. Zahlreiche Forscher kommen in jüngster Zeit zum Ergebnis, dass Anstrengung und Hektik nicht Grund zur Sorge sein müssen, sondern Anlass zur Freude werden können. Denn für die Vertreter dieser Denkschule ist Stress vor allem eines: Ansichtssache.

Ich wär dann so weit

Statt verzweifelt zu versuchen, mit Entspannungstees, Atemübungen und Wellnessurlauben dem bösen S-Wort aus dem Weg zu gehen, solle man das Stressgefühl positiv sehen – als Zeichen dafür, dass sich der Körper auf eine Drucksituation vorbereitet.

Die Verfechter dieser Umdeutung sehen sich einer Armee von Buchautoren, Beratern und Therapeuten gegenüber, deren einzige Daseinsberechtigung es ist, Stress zu vermeiden und zu verteufeln. Wäre er plötzlich nur noch hilfreich, es bräche ein ganzer Wirtschaftszweig zusammen. Auch deshalb ist die optimistische Deutung noch lange nicht salonfähig.

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