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Jura

Spezial-Einsatz für junge Juristen

Ulrike Heitze
Der Druck auf Juristen wächst. Die Einstiegsbedingungen für junge Anwälte sind härter denn je. Andererseits gibt es neue Chancen: Spezialisten arbeiten in Boutiquen, und Großkanzleien suchen Projektjuristen.
Benjamin Butz ist Arbeitsrechtler in einer KanzleiboutiqueFoto: © www.GordonWelters.com
Der ungewöhnliche Fall des Benjamin Butz erzählt sich so: Obwohl der 31-Jährige seit gerade mal zwei Jahren zugelassener Anwalt ist, verhandelt er schon für die Deutschland-Tochter eines großen IT-Marktforschungsunternehmens mit dem Betriebsrat. Es geht um eine Umstrukturierung, um Interessenausgleiche und Sozialpläne. Ein richtig dicker Fisch also.Ungewöhnlich ist der Fall, weil Nachwuchsjuristen in der Regel wenig Verantwortung übertragen bekommen. In den Top-Kanzleien übernehmen die älteren Kollegen den Kontakt zum Mandanten, in kleineren Anwaltsbüros landen solche Aufträge gar nicht erst. Als Prozessvertreter zum Gericht geschickt zu werden? Mit diesem Karrieresprung hätte Butz erst in einigen Jahren rechnen dürfen. Wenn überhaupt.

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Doch der Jurist aus Göttingen profitiert von einem Trend, der den Anwaltsmarkt derzeit in Bewegung bringt: Sogenannte Kanzleiboutiquen sprießen aus dem Boden. Das sind Kanzleien, die an einem Standort ein paar, mitunter auch mehrere Dutzend Anwälte beschäftigen, die sich, anders als große Mittelstandskanzleien, auf ein Thema spezialisiert haben. Das können Arbeits- oder Gesellschaftsrecht, Finanzierungsfragen oder die Dienstleistungen rund um Firmenfusionen und -übernahmen sein. Benjamin Butz arbeitete ein Jahr bei einer internationalen Großkanzlei. Dann reizte ihn die Vorstellung, in einer Boutique anzufangen. "Ich wollte mich aufs Arbeitsrecht konzentrieren, die Kanzlei sollte aber trotzdem groß genug sein, dass die Fälle spannend und verantwortungsvoll sind."Dieses Mehr an Einfluss bot sich bei der Kanzleiboutique Pusch Wahlig Legal, einer Berliner Arbeitsrechtskanzlei mit zehn Anwälten und Mandanten im gehobenen Segment. "Jeder hier hat sein Spezialgebiet, bei mir ist es das Betriebsverfassungs- und Kündigungsschutzrecht", sagt Butz. "Hier bin ich viel näher an den Mandanten, habe mehr Einblick in die gesamte Kundenbeziehung und viel mehr Verantwortung. Genau das, was ich wollte. Nun bin ich endlich richtig angekommen."Nachwuchsanwälte müssen in die WarteschleifeViele der neuen Boutiquengründer kommen aus einer Großkanzlei. Denn dort knirscht es seit einiger Zeit bedrohlich im Gebälk, sagt Klaus Christians, Geschäftsführer beim Juristen-Headhunter Ising International Consulting. "Diese Kanzleien erleben erstmals in ihrer Geschichte konjunkturelle Schwankungen. So etwas kannten die bisher gar nicht." Bis 2000 ging es für sie immer nur bergauf. Und die meisten suchen nun noch nach Strategien, wie sie mit der Flaute umgehen sollen.Die Folge: zu viele aufstiegswillige Nachwuchsanwälte in den eigenen Reihen, die, statt wie früher nahtlos zum Executive Partner aufzusteigen, erst mal eine Warteschleife drehen müssen. Beliebt ist es, sie auf der neuen Zwischenposition des "Salary Partners" hinzuhalten. Bis sie endlich Miteigentümer der Kanzlei werden, kann es dauern. Wenn überhaupt. Denn in der Krise, die auch einige Großkanzleien derzeit durchmachen, bietet sich ihnen wenig Aussicht auf Besserung. Das Gegenteil ist sogar häufig der Fall: Immer mehr Kanzleien legen ihren Partnern sogar den Abschied nahe.

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