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Erneuerbare Energien

Solarenergie - die Branche boomt

Christoph Stehr
An der Börse sind deutsche Solarunternehmen noch die Stars. Bislang reichte es für eine Erfolgsstory, den heimischen Markt zu versorgen. Das große Geschäft bahnt sich aber in Asien und in den USA an. Unternehmen, die dort Fuß fassen, bieten auch in Zukunft sonnige Jobaussichten.
Sonnige Aussichten für deutsche SolarfirmenFoto: © Norbert Anspach- aboutpixel.de
Der Fußboden könnte grau mit blau sein, die Fensterbänke orange, Tische und Rollcontainer grau, die Sitzpolster abwechselnd blau und orange. Oder Orange lieber auf den Boden und Blau an die Wand? Oliver Risse, 32, berät sich mit dem Innenarchitekten, einem Chinesen, der Englisch spricht. Nicht ganz leicht, auf diese nackte Scheibe Beton, die fünfte Etage des Haw Par Glass Tower in Singapur, ein komplett ausgestattetes Büro für 30 Mitarbeiter zu projizieren. Mit Pflanzen - "auf jeden Fall" -, vielleicht auch einem Fußballkicker - "wenn der Platz reicht und die Leute Spaß daran haben".In Hamburg, in der Conergy-Zentrale, steht auf jedem Stockwerk ein Kicker. Jedes Jahr findet ein großes Turnier statt, die WM wurde mehrfach vorgespielt. Hier zeigt sich auch, warum Risse vor allem in Blau-, Grau- und Orange-Tönen denkt. Blau und Grau sind die Hausfarben der Muttergesellschaft Conergy, Orange und Grau die der Tochter SunTechnics, für die Risse das Südostasien-Geschäft aufbaut. "Nach außen achten wir streng auf unsere Farbenlehre", sagt der 32-Jährige. "Nach innen lässt sich das nicht immer durchhalten, weil wir so schnell wachsen." Seit Hans-Martin Rüter und Dieter Ammer 1998 Conergy gegründet haben, verdoppeln sich Umsatz und Mitarbeiterzahl in Jahresschritten.

Die besten Jobs von allen

Vor Japan und den USA Erneuerbare Energien, besonders die Solarenergie, beflügeln viele Unternehmen wie Conergy. Die Deutschen wähnen sich nicht von der Sonne verwöhnt, trotzdem sind sie die führende Solarnation der Welt. Nach einer Branchenanalyse der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) wurden 2005 in Deutschland Fotovoltaik-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 750 Megawattpeak (MWp) - etwas mehr als ein Kohlekraftwerk schafft - neu installiert. Dagegen waren Japan mit 280 MWp und die USA mit 90 MWp kleine Lichter.Fotovoltaik macht in Deutschland rund 80 Prozent des Geschäfts aus. 2005 erzielte die deutsche Solarwirtschaft - 5.000 Unternehmen, 42.500 Beschäftigte - einen Gesamtumsatz von 3,7 Milliarden Euro, so der Bundesverband Solarwirtschaft BSW. Die jährlichen Wachstumsraten lagen in der Vergangenheit über 30 Prozent."Zwischen 20 und 40 Prozent" seien auch in Zukunft drin, meint Energieprofessor Volker Quaschning von der FHTW Berlin. Vorausgesetzt, Öl bleibt teuer, die Versorgungslücke beim Rohstoff Silizium wird geschlossen und die Politik - angeleitet durch das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz - spielt weiter mit. Deren Beitrag zum Boom ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das Einspeisevergütungen für Solarstrom garantiert. Deutsche Solarunternehmen liegen international vorn, "weil sie schlicht und einfach früher angefangen haben als ihre europäischen Wettbewerber und in den letzten zwei Jahren gute Gewinne machen konnten", sagt Jörg Bätjer, Projektleiter bei der Beteiligungsgesellschaft Hannover Finanz, die unter anderem in die Solarbranche investiert.Der Zeitvorteil bringt bares Geld. Bätjer sieht beeindruckende "Lernkurveneffekte": Mit jeder Verdoppelung der Produktionsmenge seien die Herstellungskosten um 20 Prozent gesunken. Geht das so weiter, "sind die in fünf bis zehn Jahren produzierten Solaranlagen auch ohne staatliche Förderung wettbewerbsfähig und sogar deutlich billiger als die Versorgung durch fossile Energien."Kosten runter, Leistung raufEnde 2002, rund ein Jahr nachdem Wirtschaftsingenieur Risse bei SunTechnics als Projektmanager angefangen hatte, brachte er den Solarpark Hemau bei Regensburg ans Netz - damals mit vier MWp die weltgrößte Fotovoltaik-Anlage im Freiland. Heute liegt die Latte bei neun MWp. Ähnlich rasant verlief Risses Karriere. Conergy-Chef Rüter holte ihn für zwei Jahre als seinen Assistenten in die Konzernzentrale, bevor er ihn im Februar 2006 zurück zu SunTechnics und nach Singapur schickte - begleitet von hohen Erwartungen. "Asien soll einmal einen erheblichen Teil zu unserem Konzernumsatz beitragen", sagt Risse. Den Büros in Singapur, Indien und Korea folgen bald weitere.Sein Optimismus gründet darauf, dass das Unternehmen verschiedene erneuerbare Energien, auch Wind und Biomasse, anzapft und damit in der Branche ziemlich allein dasteht. Deshalb wird Risse zusätzlich die Marke Conergy nach Südostasien mitnehmen: Der Name SunTechnics würde den Konzern in einem Markt, der ihn nicht kennt, zu sehr auf Solarenergie einengen.Dass die Hamburger in die Ferne streben, zeugt von Wachstum, klar. Ein bisschen auch von Flucht: "Der deutsche Markt ist bald gesättigt", erwartet Solaranalyst Patrick Hummel von der LBBW. Schon bald wird Deutschland seine Stellung als wichtigster Solarmarkt an Asien und die USA verlieren (siehe Grafik unten). "Deshalb müssen die Unternehmen versuchen, international zu expandieren. Berufseinsteiger sollten auf Unternehmen setzen, die international bereits gut vertreten sind oder zumindest planen, dort zu wachsen."Abnabelungsprozess Exportquoten von teilweise unter 20 Prozent sind ein Alarmsignal. Die Zeit drängt, weil die deutsche Solarbranche nicht ewig am Subventionstropf hängen wird. Vor einem halben Jahr wurde bereits das Steuersparmodell der Solarfonds beschnitten. Konnten Anleger früher ihre Investition als Verlust vortragen und in der Steuererklärung mit beliebigen Einkommensarten verrechnen, so dürfen dafür fortan nur Einkünfte aus der Investition selbst herangezogen werden.Noch stärker wirkt sich aus, dass das EEG die Einspeisevergütungen herunterfährt. "Mit jedem Jahr, das eine Solarstromanlage später ans Netz geht, verringert sich der Ertrag und damit die Rendite", sagt Claus Stoll von S.A.G. Solarstrom in Freiburg. "Dadurch verlieren die Standorte in Deutschland an Attraktivität."Stoll ist als Projektmanager für den Solarstrompark Gut Erlasee nahe Würzburg verantwortlich. Auf dem Gelände einer ehemaligen Landesversuchsanstalt für Weinbau werden demnächst 440 Fotovoltaik-Module zusammen 3,4 MWp ins Netz speisen. Keine Mammutanlage, aber technische Rekorde interessieren den 36-jährigen Juristen nicht vorrangig. Für ihn ist der Park vor allem ein Finanzprodukt, das es an den Kapitalanleger zu bringen gilt.Der geschlossene Fonds, der als eigenständige GmbH & Co. KG betrieben wird, soll rund 1.000 Kommanditisten vereinen. Stoll hat den Beteiligungsprospekt erstellt und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht zur Genehmigung vorgelegt. Um den Vertrieb kümmert sich das Kundenzentrum der S.A.G. Solarstrom.Seit seinem Einstieg im Oktober 2004 hat Stoll mehrere solcher Fonds angeschoben. In der Formel 1 würde man sagen, er bringt die PS auf den Boden, die die Ingenieure aus den Motoren herauskitzeln. Das heißt, er lässt Standorte für Solarstromanlagen prüfen, schließt Pachtverträge mit den Eigentümern von Freiflächen oder Gebäuden, sorgt für die Grundbucheinträge und sucht Banken, die Fremdkapital zuschießen. "Ich habe meinen Job getan", sagt er, "wenn die letzte Anlage ans Netz gegangen und bezahlt, also die Anfangsinvestition getätigt ist". Die laufende Verwaltung des Fonds übernimmt die entsprechende Fachabteilung.Exportschlager EEGDass Wolken über der Branche in Deutschland aufzögen, das wäre Stoll zu hart formuliert. Aber wie sein Kollege Risse bei SunTechnics schaut er weiter: "Solarunternehmen orientieren sich verstärkt im Ausland. S.A.G. Solarstrom beispielsweise hat 2005 in Spanien Fuß gefasst." Erstaunlich, dass das Geschäft mit der Sonne so lange brauchte, um dort anzukommen, wo sie aus allen Knopflöchern scheint. Solarthermische Kraftwerke gibt es in Südeuropa schon lange, nicht aber eine systematische Förderpolitik. Vor kurzem haben Spanien, Italien und Portugal mit Gesetzen nachgezogen, für die das deutsche EEG Modell stand. Weitere Beispiele sind China und Südkorea. Ebenso freut sich die Branche über die Solar-Initiative des US-Bundesstaats Kalifornien, ein knapp drei Milliarden Dollar schweres Förderprogramm.Große Zahlen werden stets bemüht, um das Potenzial der erneuerbaren Energien zu beschreiben. Als Bundeskanzlerin Merkel im April zum Energiegipfel nach Berlin einlud, kündigte der Bundesverband Erneuerbare Energien Investitionen von 40 Milliarden Euro bis 2012 an. Daneben wirkten die 30 Milliarden Euro, die Eon, RWE & Co. in Leitungen und konventionelle Kraftwerke stecken wollten, fast geizig.Sonnige berufliche Zukunft Weil so viel Geld im Spiel ist, drücken die internationalen Wettbewerber - Sharp, Kyocera, Sanyo, Mitsubishi, BP - aufs Innovationstempo. Die deutsche Solarbranche hält dagegen, indem sie näher an die öffentliche Forschung rückt. Ende März wurde am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ein Technologietransfer-Zentrum für die Fotovoltaik eingeweiht. "Viele unserer ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind heute unsere Projektpartner in der Industrie", sagt Institutsleiter Professor Joachim Luther. Mit derzeit 50 Diplomanden und 50 Doktoranden steht der Nachwuchs in den Startlöchern.Luther verspricht angehenden Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, die sich auf Solartechnik spezialisieren, eine "Option auf eine sonnige berufliche Zukunft". Der BSW erwartet bis 2020 über 100.000 zusätzliche Arbeitsplätze. Jan Kai Dobelmann, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie, sieht gute Chancen für Entwickler und Vertriebsleute, die Technik und BWL unter einen Hut bringen. "Die Branche ist heiß auf qualifizierten Nachwuchs", sagt Jörg Raimann von der RV Energietechnik in Weil am Rhein.Bewerber dürfen allerdings nicht unterschätzen, dass "grüne Branchen" beliebt und schnell überlaufen sind. Professor Christoph Weber von der Uni Duisburg-Essen rät Ingenieurstudenten deshalb, die Ausbildung passgenau zu vertiefen. Bei Naturwissenschaftlern seien Kenntnisse in Festkörperphysik oder Siliziumchemie vorteilhaft.Viele BaustellenIm fünften Stock des Haw Par Glass Tower in Singapur ist Oliver Risse nicht mehr allein auf weiter Betonflur. Mitte Mai haben die ersten Mitarbeiter angefangen - ab nun kommt alle zwei Wochen ein neues Gesicht dazu. Bei den Möbeln setzt sich Grau durch. Orange und Blau sind dezent auf Boden und Wände getupft. Statt Ficus benjamini wächst eine einheimische Art im Kübel. Der Wunsch nach einem Kicker ist noch nicht laut geworden.Eigentlich könnte Risse diese Baustelle abhaken. Aber nur eigentlich: Es ist absehbar, dass das Büro bald zu klein sein wird. Der Regional-Manager tourt durch Thailand, Malaysia und Indonesien, die wichtigsten Ländermärkte, knüpft Kontakte zu Behörden, Industrie und Stromversorgern. Sie kommen als Kunden eher infrage als die privaten Haushalte, die im Vergleich mit Deutschland wenig Kaufkraft haben. In Kuala Lumpur bahnt sich ein Großprojekt an, eine Fotovoltaik-Anlage soll in eine Hochhausfassade integriert werden.Nach Feierabend betritt Risse Baustelle Nummer zwei, seine Wohnung. Er hatte sie schon vor dem Abflug nach Singapur gemietet, aber weil der Schiffscontainer mit dem Hausrat noch unterwegs war, mussten Risse, seine Frau und ihr zweijähriger Sohn erst mal ins Hotel. Nun ist der Container da, und die Frage der Raum- und Farbgestaltung stellt sich erneut. Auch dies keine Entscheidung für die Ewigkeit: Drei Jahre werde er wohl in Singapur bleiben, schätzt Risse, dann hat er hoffentlich seinen Nachfolger eingearbeitet und kann zur nächsten Baustelle weiterziehen.

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