Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Interview Gabriele Hantschel

So kommen Frauen in Top-Positionen

Anne Koschik
Coaching- und Mentoring-Programme sind nur ein erster Schritt, um Frauen für Top-Positionen zu pushen. Es liegt auch an den Männern, ihre Verhaltensmuster zu überprüfen.
Interview mit EMWD-Präsidentin Gabriele Hantschel (2005)"Frauen brauchen mehr Vorbilder"

Die besten Jobs von allen

Junge Karriere: Was ist los mit Deutschlands Topmanagerinnen? Nur zwei, Karin Dorrepaal und Christine Licci, haben es seit letztem Jahr in Dax-Vorstände geschafft. Ist das der Fortschritt?Gabriele Hantschel: Nein, in den letzten 20 Jahren hat sich noch viel zu wenig verändert. Bundespräsident Köhler hat Recht, wenn er Deutschland im Hinblick auf Frauenkarrieren als Entwicklungsland bezeichnet. Schauen Sie sich mal den Eurostoxx an. Keine deutsche Frau, aber in den 50 Unternehmensvorständen sitzen immerhin vier niederländische und acht französische Frauen.Das deutsche Demografieproblem könnte sich als Chance erweisen.Davon erwarte ich nicht allzu viel. Denn das haben wir alles schon vor 15 Jahren gehört. Und im Moment, in Zeiten wirtschaftlicher Flaute, sehen wir: In der Geschäftsführung im Mittelstand sind Frauen schon wieder auf dem Rückzug.Sind Frauen so leicht rauszukicken?Wenn Frauen um die 40 eine attraktive Abfindung angeboten bekommen, nehmen sie das oft gerne an und verfallen damit ins traditionelle Rollenmuster. Andererseits wechseln Frauen auch gerne die Rolle, sind offen für unterschiedliche Hüte.Toppositionen ausgenommen...Wenn es schon im mittleren Management zu wenig Frauen gibt, ist das Reservoir für Top-Führungspositionen sehr klein. Außerdem scheitern Frauen am eigenen Kompetenzdenken. Männer bewerben sich eher, auch wenn das gesuchte Profil nicht passt.Heißt das, Frauen sollten auch mal über ihren Schatten springen?Ja, so wie die Männer auch. Und die Frauen müssen gepusht werden. Dabei helfen Instrumentarien in den Unternehmen wie Coaching- und Mentoring-Programme, Führungstrainings und Zielkorridore für die Anzahl von Frauen im Management.Frauen drängen aber auch gern in Branchen mit wenig Karriereaussichten...Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. Zum Beispiel Technik-Berufe. Wenn keiner den Schraubenschlüssel vorhält, kommt eben auch nichts nach - Rollenvorbilder fehlen. Frauen brauchen sie aber dringend. Auch Diversity-Management dient der Imagebildung. Zum Glück ist dieses Thema aus den USA nach Deutschland geschwappt.Was war der Grund?Da war zum Beispiel die Weltbank-Studie. Man stellte fest, dass nachhaltig arbeitende Unternehmen erfolgreicher sind. Die Analyse zeigte, dass dort auch mehr Frauen ganz oben mitentscheiden. Auch aus den Studien, die belegen, dass die Marktkapitalisierung von Unternehmen höher ist, wenn Frauen Vorstandspositionen bekleiden, werden immer noch keine Konsequenzen gezogen. Frauen in Führungspositionen müssen selbstverständlicher werden.Können deutsche Frauen von ihren europäischen Nachbarn lernen?Ja. Das hat gerade auch der 21. internationale EWMD-Kongress in Berlin gezeigt. "Europas Zukunft - erfolgreicher mit mehr Frauen in Führungspositionen" war Thema und Vision zugleich. Deutschland hinkt einfach hinterher mit nur zehn Prozent Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien, während Lettland schon 22 Prozent aufweist und Schweden 17 Prozent. Bei den Vorstandspositionen im Dax und MDax liegen wir unter einem Prozent. Hier sind auch die Männer in deutschen Unternehmen gefragt. Die müssen noch erkennen: Es gibt auch andere Verhaltensmuster. Meiner Meinung nach geht es nur gemeinsam: Mixed Leadership setzt jedoch einen Bewusstseinswandel bei den Männern voraus.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.07.2005

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick