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Kreativitätsforschung

"Sie müssen die kreative Langeweile ertragen"

Daniel Rettig / wiwo.de
Rainer Holm-Hadulla ist Professor für Medizin an der Universität Heidelberg und hat sich auf die Förderung kreativer Potenziale spezialisiert. Im Interview verrät er die wichtigsten Regeln um den Einfallsreichtum zu beflügeln.
Kreativitätsforscher Rainer Holm-HadullaFoto: © Privat
Herr Holm-Hadulla, wann sind Sie besonders kreativ?
Das hängt von der Phase des kreativen Prozesses ab: Ideen, die mir wahrscheinlich im Schlaf kamen, kann ich am besten in den frühen Morgenstunden bei einer Tasse Tee ausarbeiten.
Egal wo Sie sind?
Wenn man nur eine ungefähre Ahnung hat, aber noch nicht weiß, worauf es hinausläuft, hilft ein Blick aus dem Fenster, die Betrachtung der Wolkenformationen oder des grauen Himmels. Wenn ich mehr Zeit habe, ist Spazierengehen oder Schwimmen das Beste.

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Was tun Sie, wenn Ihnen so gar nichts einfallen will?
Die Gedanken schweifen lassen. Die Kreativitätsforschung weiß inzwischen: Im so genannten nicht-fokussierten Denken sind die assoziativen Hirnareale am aktivsten. Vereinfacht gesagt: Lassen Sie keinen Stress entstehen und sich nicht durch überflüssige Aktivitäten ablenken. Sie müssen die kreative Langeweile ertragen.
Welche Faktoren sind denn für Kreativität besonders wichtig?
Fünf verschiedene: Begabung, fachliches Wissen und Können, intrinsische Motivation, gewisse Persönlichkeitseigenschaften wie Flexibilität oder Widerstandsfähigkeit und eine unterstützende Umgebung.
Sind alle der fünf Faktoren gleich wichtig?
Ja, denn sie hängen eng zusammen. Eine Begabung hilft nicht, wenn sie nicht ausgebildet wird, ganz gleich ob in Wirtschaft, Kunst oder Wissenschaft. Entscheidend ist aber auch die Motivation - Sie können sich dafür entscheiden, produktiv und kreativ zu sein. Dazu muss man aber auch gegen Enttäuschungen und Widerstände arbeiten können und die geeignete Unterstützung der Umgebung haben.
Mit der kreativen Umgebung tun sich viele Unternehmen aber schwer…
…ja, weil Kreativität immer im Wechselspiel zwischen Struktur und Freiheit, Ordnung und Chaos entsteht. Arbeitgeber müssen also den richtigen Spagat finden, zwischen Konzentration und Ablenkung. Beide sind für Kreativität unerlässlich.
Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet, dass Kreative häufig etwas verrückt sind…
Diese Ansicht gab es schon in der griechischen Philosophie, aber das ist ein Mythos. Neue Studien zeigen, dass Kreativität sogar ein Gesundheitsfaktor ist. Am wichtigsten erscheint mir die Fähigkeit, Enttäuschungen und gelegentliches Versagen in produktive Aktivität transformieren zu können. So wie der berühmte Erfinder Thomas Edison. Er sagte einmal: "Ich bin nicht gescheitert. Ich habe bloß 10.000 Möglichkeiten gefunden, die nicht funktionieren."
(Artikel zuerst erschienen bei WirtschaftsWoche Online wiwo.de)Lesen Sie mehr zum Thema "Kreativität":
Innovationen: So entstehen die Ideen von morgen
Dieser Artikel ist erschienen am 27.08.2010

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