Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Ehrenamt

Sie lernt hier fürs Leben

Tobias Heyer
Feiern auf Ibiza? Kurztrip nach New York? Die Ärztin Johanna Correll nutzt ihren Urlaub für einen humanitären Einsatz und hilft Kindern im Jemen. Sie hilft somit nicht nur bedürftigen Menschen im Krisengebiet sondern lernt dabei fürs Leben.
Internationale Organisationen stützen die medizinische Versorgung in krisengeschüttelten RegionenFoto: © Tobias Heyer
Auf den ersten Blick sieht alles wie eine normale Operation aus. Johanna Correll hat sich ausgiebig die Hände gewaschen, das schwarze Haar steckt unter einer hellblauen Haube, ein weißer Mundschutz bedeckt die Hälfte des Gesichts. Die 28-Jährige setzt mit dem Skalpell einen ersten Schnitt am Fußgelenk des Mädchens. Erst die im Operationssaal umhersausenden Fliegen stören das Bild des deutschen Krankenhausalltags. Ungewohnt auch, das drei Meter neben ihrem Tisch ein weiteres Chirurgenteam arbeitet, und ein Anästhesist einen kleinen Jungen durch den Saal führt. Sein Ellbogen ist gebrochen, mehrfach. Die gesplitterten Knochen werden wieder zusammengebracht.Johanna Correll hat für zwei Wochen die Uni-Klinik in München verlassen. Sie ist in den Jemen gereist, genauer in die Stadt Taiz, auf 1400 Meter Höhe. Es ist ein Land, in dem Jagdbomber die Landung von Zivilflugzeugen verzögern und schwer bewaffnete Soldaten an Straßenkreuzungen patroullieren. "Angst habe ich keine, nur jede Menge Respekt", sagt die junge Ärztin, und es wirkt fast so, als spreche sie sich Mut zu.

Die besten Jobs von allen

Zum zweiten Mal ist sie mit dem Hammer Forum unterwegs, einem Verein, der Einsätze in Kriegs- und Krisengebieten organisiert und Kinder medizinisch versorgt. Von einem Wohncontainer im westfälischen Hamm aus steuern die Freiwilligen ihre humanitäre Hilfe, die Ärzte sind derzeit in acht Ländern aktiv (siehe Seite 2).Erfahrene Ärzte und junge Nachwuchskräfte müssen in gutem Verhältnis stehenCorrell ist gerade mal 28 Jahre alt und damit die Jüngste im Team. "Eigentlich nehmen wir solch junge Fachkräfte nicht", sagt Theophylaktos Emmanouilidis. Der gebürtige Grieche ist Mitglied des Vorstands und Leiter der Mission im Jemen. "Wir suchen Mediziner, die schon über viel Erfahrung verfügen, die am Tisch Verantwortung übernehmen, denen man nicht mehr helfen muss, sondern die, die richtige Entscheidungen treffen - auch wenn es um Leben und Tod geht." Bei Correll machte die Organisation eine Ausnahme. "Wir haben bei Johannas erster Reise gesehen, dass sie in unser Team passt", sagt Emmanouilidis, der am Tisch nebenan einem dreijährigen Kind gerade einen Lungentumor entfernt hat.Jemen ist eines der ärmsten Länder der Welt. Für die Militärpolizei, die sich schwer bewaffnet an Straßenkreuzungen positioniert, scheint trotzdem genug Geld vorhanden zu sein. Waffen sind überall präsent. Der Aufpasser an der Krankenhaustür trägt ein Schnellfeuergewehr, der Mann am Gemüsestand ebenso wie Spaziergänger in der Stadt. Johanna Correll konnte das schon vor einem Jahr beobachten. Damals zahlte sie den Flug selbst und schaute den erfahrenen Ärzten über die Schulter.Die meisten Operationen finden vor Ort stattBei der Entscheidung, wen der Verein auswählt, müssen die Organisatoren stets abwägen. "Wir suchen versierte Kräfte, gleichzeitig dürfen wir den Nachwuchs nicht aus den Augen verlieren", erklärt Emmanouilidis, den seine Kollegen Dr. Emma nennen. Vier bis sechs Teams, denen jeweils rund 20 Ärzte und Schwestern angehören, fliegen pro Jahr in den Jemen. Sie bleiben zwei, drei Wochen und untersuchen rund 1000 Kinder. Einige wenige nehmen sie mit nach Deutschland, weil eine OP vor Ort nicht möglich ist.Emmanouilidis, der hauptberuflich Chefarzt in einem ostwestfälischen Krankenhaus ist, opfert seit Jahrzehnten die Hälfte seines Jahresurlaubs, um Kindern in der Dritten Welt zu helfen. Heute aber sei es schwierig, solche Idealisten zu finden, sagt er. Anfragen gebe es viele, aber vom ersten Telefonat bis zum Einsatz sei es ein langer Weg. Sozialkompetenz ist genauso wichtig wie Fachwissen.Für Johanna Correll stellte sich die Frage nicht, ob sie zehn ihrer insgesamt 26 Urlaubstage gegen den humanitären Einsatz tauschen sollte. "Ich lerne hier so viel wie in Deutschland in einem ganzen Jahr nicht", sagt die junge Medizinerin, die Orthopädin werden will. Über ihren Vater, ebenfalls Orthopäde, erfuhr sie vom Hammer Forum, der Entschluss, sich zu bewerben, war schnell gefasst.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick