Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Firmengründung

Selbstständig mit Pädagogik im Netz

Tina Groll/ Zeit.de
Muss man immer den Beruf ausüben, den man einmal erlernt hat? Keineswegs. Wir stellen Ihnen drei Frauen vor, die seit zehn Jahren das bundesweite Mädchennetzwerk Lizzynet.de redaktionell und pädagogisch betreuen.
Lizzynet ist ein Netzwerk nur für MädchenFoto: © Franz Pfluegl - Fotolia.de
Im Jahr 2000 begann Lizzynet als Projekt der Initiative "Schulen ans Netz" und des Bundesforschungsministeriums. Ziel war damals wie heute, Schülerinnen für Bildung und Forschung zu begeistern. Inzwischen ist das längst mehr als ein Job für die Drei-Frauen-Redaktion, die das Portal seit Anfang 2010 selbstständig betreibt.Interview mit Sabine Melchior

Die besten Jobs von allen

Lizzynet war eines der ersten pädagogisch betreuten Onlineportale – und zwar nur für Mädchen. In Spitzenzeiten tummelten sich rund 70.000 Mädchen im Alter zwischen 12 und 22 Jahren auf der Plattform. Was sind das für Mädchen?
Unsere Userinnen besuchen das Gymnasium, sind gute Schülerinnen, die sehr viel lesen, sie sind sehr internetaffin und technikinteressiert. Man kann schon sagen, dass dies die Zielgruppe künftig gut verdienender Frauen ist.
Klingt nach einer Zielgruppe, die für viele Unternehmen sehr interessant sein dürfte. In diesem Jahr wird Ihr Portal zehn Jahre alt, und vor wenigen Wochen haben Sie gemeinsam mit Ihren beiden Kolleginnen das Projekt als Gesellschaft bürgerlichen Rechts übernommen. Wie kam es dazu?
Wir waren bis 2008 ein Projekt von Schulen ans Netz und wurden vom Bundesministerium für Bildung finanziert. Wie bei jeder öffentlichen Förderung kommt einmal der Tag, an dem sie ausläuft. Ein erfolgreiches Projekt, das von Tausenden Mädchen täglich genutzt wird, mit dem Lehrer täglich arbeiten, mit dem Bildungseinrichtungen und Verlage regelmäßig zusammenarbeiten, kann man aber nicht von heute auf morgen offline setzen. Und man muss bei dem hohen pädagogischen Anspruch, den das Projekt von Anfang an hat, sehr behutsam vorgehen, wenn man es kommerziell vermarkten will.
Ihre Redaktion besteht aus erfahrenen Medienpädagoginnen ...
Genau. Wir sind alle von Anfang an dabei. Ich bin Germanistin und komme aus dem Hörfunkbereich, meine Kolleginnen sind Pädagoginnen. Als wir 2000 zu dem Projekt kamen, hat jede die medienpädagogische Aufgabe gereizt. Zu Lizzynet zählt ein Magazin mit journalistischen Inhalten, ein Bereich, in dem die Mädchen selbst redaktionell mitarbeiten können, eine Community, die pädagogisch betreut wird, und ein Lernbereich, mit welchen beispielsweise Schulen arbeiten, um Mädchen für Informatik, Technik und IT zu interessieren, aber mit dem die Schülerinnen auch selbst arbeiten können. Darüber hinaus bietet die Plattform in dem Bereich "Berufswelt" viele Inhalte zu Berufs- und Ausbildungsthemen an, gerade für die Branchen und Berufsbilder, die von Mädchen kaum angewählt werden. Die Mädchen finden bei uns ein spezielles Angebot. Sie können sich in einem betreuten, geschützten Rahmen miteinander austauschen. Vielen ist dies sehr wichtig.
Aber es fehlt das Geschäftsmodell. 2008 übernahm die Unternehmensgruppe M. DuMont Schauberg für zwei weitere Jahre die Finanzierung des Projekts. Aber auch sie lief aus.
In den letzten zwei Jahren war Lizzynet als eigenständige Firma eine 100-prozentige Tochtergesellschaft von M. DuMont Schauberg. Wir haben das vorher öffentlich finanzierte Portal in ein Unternehmen umgewandelt. Wir waren zwar Angestellte, konnten aber trotzdem unternehmerische Erfahrungen sammeln und vielversprechende Geschäftsmodelle entwickeln und erproben. Und wir haben gemerkt, dass die am Markt auch gut ankommen. Allerdings trägt sich Lizzynet - wie die meisten Onlineportale - zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Die Umsonstmentalität im Internet ist immer noch ein großes Problem. Wir können von unseren Nutzerinnen kein Geld nehmen. Auch über die Eltern zu gehen scheint kein tragfähiges Geschäftsmodell zu sein. In den zwei Jahren bei DuMont haben wir dennoch die Überzeugung gewonnen, dass Lizzynet das Potenzial hat, Bestand am Markt zu haben. So reifte bei uns der Entschluss, uns damit selbstständig zu machen.
Warum nicht einfach einen neuen Job suchen?
Uns geht es um das Portal, das wir zehn Jahre lang aufgebaut haben, uns geht es um die Mädchen und darum, für sie ein wertvolles und pädagogisch betreutes Angebot im Netz aufrechtzuerhalten. Und natürlich um die Kontakte und Partnerschaften, die entstanden sind – sowohl im Bildungsbereich als auch in der Wirtschaft. Das ist ja auch gerade für den Berufsbereich eine sehr interessante Schnittstelle. Lizzynet ist einfach sehr stark vernetzt und hat eine klar definierte Zielgruppe. Es wäre doch schade, dieses Potenzial nicht zu nutzen. Andere müssen da bei Null anfangen.
Doch das könnte schwierig werden. Sie haben kein Budget für teure Entwicklungen.
Bei uns gibt es momentan keine speziellen Downloads, keine i-Phone-Applikationen, und langfristig könnte es problematisch werden, wenn wir keine neuen Entwicklungen für die Seite bekommen. Natürlich sehen wir zu, dass wir trotz eines momentan noch geringen Budgets auf dem aktuellen Stand der Zeit bleiben. Vor allem aber bieten wir unseren Mitgliedern einen anderen Service: Hochwertige Inhalte, die Möglichkeit, journalistische Erfahrungen zu sammeln und sich in einer Form zu beteiligen, die über das Einstellen von Forumsbeiträgen und Videos hinausgeht. Und wir haben die Zielgruppe, bei uns gibt es die Mädchen. Es gibt so viele Projekte im Netz, in die sehr viel Geld investiert wird, aber die müssen die Mädchen erst einmal für sich gewinnen.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick