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Selbstständig - aber arm
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Freelancer

Selbstständig – aber arm

Kerstin Dämon, wiwo.de
Freiheit ist nur im Privaten das höchste Gut. Beim Job setzen immer mehr auf Sicherheit. Kein Wunder: 25 Prozent der Selbstständigen erwirtschaften nicht einmal einen Stundenlohn von 8,50 Euro
In Deutschland gibt es immer weniger Gründer. Seit dem Jahr 2007 stagnierte die Zahl der Selbstständigen und Freelancer, seit dem Jahr 2012 nimmt sie sogar ab. Allerdings betrifft diese Entwicklung hauptsächlich die sogenannten Solo-Selbständigen – und zwar unabhängig von Branche oder Altersgruppe. Der Kioskbetreiber verschwindet genauso wie der freie Journalist oder selbstständige Anwalt. Besonders stark war der Rückgang bei Maklern und Hausverwaltern, beim Transportgewerbe, im Handel und im verarbeitenden Gewerbe. In der Landwirtschaft setzte sich der langjährige Trend der Aufgabe bäuerlicher Betriebe fort.

Alle wollen den festen Arbeitsvertrag bei einem Unternehmen, keiner die unternehmerische Freiheit, die ja letztlich auch Risiko bedeutet. Das ist das Ergebnissen einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Selbständigkeit oft nicht rentabel

"Der Trend hin zur Selbständigkeit, der als wichtiges Element eines Strukturwandels auf dem Arbeitsmarkt angesehen wurde, scheint gebrochen zu sein", bestätigt DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke, der für seine Analyse Daten des Mikrozensus und der vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit TNS Infratest Sozialforschung erhobenen Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) ausgewertet hat. In den Neunziger Jahren hatte die selbständige Beschäftigung in Deutschland – nicht zuletzt wegen zahlreicher Existenzgründungen in Ostdeutschland – deutlich zugenommen. Diese Ausweitung verstärkte sich nach der Jahrtausendwende, auch im Zuge der Förderung von Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit im Rahmen der Hartz-Reformen – Stichwort "Ich-AG".

Daraus resultierte der kräftige Anstieg bei den Solo-Selbständigen, von denen allerdings ein erheblicher Teil nur ein geringes Einkommen erzielte. Bis 2007 entwickelte sich die selbständige Beschäftigung besser als die abhängige. Seit dem geht es bergab.

Für viele rentiert sich die Selbstständigkeit finanziell nicht. Derzeit erzielen etwa ein Viertel aller Selbständigen einen Bruttostundenlohn, der unter dem Mindestlohn für Arbeitnehmer von 8,50 Euro liegt. "Der zeitweilig höhere Anteil der Geringverdiener dürfte auch mit dem Wegfall der Subventionen zusammenhängen, die wohl nicht selten zu einer Selbständigkeit angeregt haben, bei der es nicht viel zu verdienen gab. Tatsächlich liegen die realen Bruttoeinkommen der Selbständigen noch unter dem Niveau der Zeit vor der Finanzkrise – und weit unter dem von Mitte der Neunziger Jahre", fasst Brenke die Entwicklung zusammen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 19.09.2015

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