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Anpassung ist das Motto
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Authentizität

Sei ein Chamäleon

Teil 2: Besonders erfolgreich sind die Mitläufer

Ähnliches fanden Forscher um Amir Goldberg von der Universität von Stanford 2016 heraus. Das Team untersuchte mithilfe eines Algorithmus die Sprache, die 600 Mitarbeiter einer Techfirma im Verlauf von fünf Jahren in mehr als zehn Millionen internen Mails verwendet hatte: Besonders erfolgreich waren die Mitläufer, die ihre Sprache und ihren Kommunikationsstil an die Unternehmenskultur anpassten.

Auch Rainer Niermeyer sieht die Vorteile der Geschmeidigkeit. "Überall wird gepredigt, dass man authentisch sein soll, dabei sind diejenigen am erfolgreichsten, die am besten ihre Rolle spielen." Niermeyer war früher Geschäftsleitungsmitglied bei Kienbaum Management Consultants, heute coacht er Führungskräfte und berät Unternehmen in Personalfragen. Vor ein paar Jahren hat er dem "Mythos Authentizität" ein Buch gewidmet. Der Begriff stört ihn heute noch. Eine Jobbeschreibung solle man interpretieren wie eine Regieanweisung, findet Niermeyer. Dazu sei es manchmal nötig, sich zu verändern. "Wer immer darauf besteht, authentisch zu sein, entwickelt sich nicht weiter", sagt er. "Authentisch sein kann man gerne im Urlaub oder in der Freizeit, aber bitte nicht im Büro."

"Wenn jeder in jedem Moment sagt, was er denkt, funktioniert kein Unternehmen mehr"

Führungskräfte zum Beispiel müssen für das Fortkommen der Organisation auch mal dominant sein und Entscheidungen gegen Widerspruch durchsetzen. An anderen Tagen müssen sie sich zurücknehmen und ihren Mitarbeitern zuhören, um sie bei Laune zu halten. "Manche mögen dazu Industrieschauspieler sagen, ich nenne das professionelles Arbeitsverhalten", sagt Rainer Niermeyer. Und dazu gehöre auch das Bewusstsein, sein Ego gegenüber Kollegen zurückzustellen.

Wer Kollegen beleidigt und Mitarbeiter anschreit, nur weil er sich gerade danach fühlt, mag sich zwar selbst treu bleiben. Und er kann sich dann vielleicht auch mit einem "Ich bin nun mal so impulsiv!" rechtfertigen. Nur gibt er damit jede Verantwortung für das eigene Handeln ab, verletzt fahrlässig seine Mitmenschen und vergiftet die Stimmung. "Man kann im Büro nicht ständig sein Innerstes nach außen kehren", sagt auch die Psychologin Astrid Emmerich von der Medical School Hamburg, die Authentizität im Berufsleben erforscht. "Wenn jeder in jedem Moment sagt, was er denkt, funktioniert kein Unternehmen mehr." Was man also braucht, ist eine Art emotionalen Filter. Der Schweizer Autor Rolf Dobelli bemüht dazu das Bild des persönlichen Außenministers, den man sich in der Öffentlichkeit immer dazu denken sollte und der den eigenen professionellen Auftritt steuert. Besetzt man die Stelle dagegen – um im Bild zu bleiben – mit einem reinen Innenpolitiker, kann es schwierig werden. Denn wer sich selbst zwanghaft treu bleibt, verpasst die Gelegenheit, durch Veränderung persönlich zu wachsen.

Die Ökonomin Herminia Ibarra sieht diese Gefahr besonders bei Menschen, die gerade befördert wurden. Die Anforderungen und Erwartungen an den Job änderten sich durch den Karriereschritt – deshalb müssten die Beförderten auch ihr eigenes Verhalten auf die Probe stellen und wenn nötig anpassen, so die Professorin, die an der London Business School forscht.

Gefühle zeigen, aber nicht im Büro

Wer sich davor scheue, nutze Authentizität als Vorwand, um sein altes Verhalten beizubehalten. Eine bessere Führungskraft hingegen tue auch mal Dinge, die dem Konzept der Authentizität widersprechen, sagt Ibarra. Bloß: Hat man dann im Arbeitsalltag überhaupt noch Gelegenheit, man selbst zu sein – und wenn ja, wann?

Zum Beispiel bei Ursula Armbruster. Die Schauspiellehrerin am Comedia Theater in Köln bietet Seminare für Unternehmen, bei denen die Teilnehmer auf der Bühne so sein dürfen, wie sie sich gerade fühlen – egal, ob ängstlich, sauer oder euphorisch. Authentisch eben. "Hier darf man viel mehr Gefühle ausdrücken als im normalen Berufsalltag", sagt Armbruster. Die Teilnehmer sollen durch die Übungen sensibler werden für die eigenen Emotionen und die der Kollegen – und ihre Gefühle dadurch besser kontrollieren können.

Scheidungsanwältin Ingeborg Rakete-Dombek trifft sich regelmäßig mit zwei Kolleginnen. Zusammen mit einer Psychologin spricht das Trio über die Dinge, die ihnen bei Mandaten oder Richtern Probleme bereiten. Die Hamburger Psychologin Astrid Emmerich nennt solche Treffen "Inseln der Echtheit". Sie empfiehlt, die eigenen Gefühle regelmäßig in einem geschützten Umfeld zu zeigen.

Denn auch das hat ihre Forschung gezeigt: Die totale Selbstverleugnung ist für das persönliche Wohlbefinden ebenso schädlich wie absolute Authentizität.

Vielleicht hilft daher ein weniger resolutes Erfolgsmotto: Sei alles – und manchmal sogar du selbst.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 18.12.2017

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