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Geheimnisvolles Gehirn
Forscher versuchen das Puzzle um das Bewusstsein zu lösen. Sie wollen festzustellen, wie Entscheidungen getroffen werden.Foto: AlienCat/Fotolia.com
Wegweiser durchs Unbewusstsein

Schwächen des Gehirns erkennen und nutzen

Teil 2: Das Gehirn entscheidet

Lässt sich das abstellen?

Nein, das ist ja das Schlimme.

Und wie führen uns diese unbewussten Prozesse in die Irre?

Wir verschätzen uns und treffen Fehlentscheidungen.

Steile These!

Ich beweise es Ihnen. Sortieren Sie doch mal diese amerikanischen Städte nach absteigender Einwohnerzahl: Houston, Jacksonville, San Francisco.

Na gut. Mein Bauchgefühl sagt: San Francisco, Houston, Jacksonville.

Leider falsch. Nur wenige Prozent der Befragten wissen, dass ich die Städte bereits in der richtigen Reihenfolge genannt habe. Die Mehrheit aber verlässt sich so wie Sie auf ihre Intuition. Unbemerkt sind Sie von der Denkschablone beeinflusst worden, dass bekannte Städte auch große Städte sind. Also müsste San Francisco die größte von den dreien sein, was aber nicht stimmt.

Was ist daran so schlimm?

Das Problem ist, dass viele Menschen sich ganz sicher sind, mit ihrer Antwort absolut richtig zu liegen. Stellen Sie sich einen Manager vor, der eine wichtige Entscheidung fällen muss und sich dabei auf seine Einschätzung verlässt. Er ist sich seiner Sache ganz sicher, liegt aber völlig daneben. Das kann immense Folgen haben.

Was genau ist denn nun schiefgelaufen?

Das Gehirn ist darauf programmiert, schnell zu reagieren. Das kommt aus Zeiten, als Gefahren wie Säbelzahntiger die Existenz des Menschen bedrohten. Deshalb versucht es noch heute, jede neue Info blitzschnell in bekannte Zusammenhänge einzuordnen. In diesem Fall etwa, wie häufig eine der drei Städte in den Nachrichten erwähnt wird und in welchem bedeutungsvollen Zusammenhang wir etwas über sie wissen – Ölindustrie, Raumfahrt, Filmproduktion. All diese Assoziationen wägt es in Sekundenbruchteilen ab und lässt Sie blitzschnell entscheiden.

Was also raten Sie Entscheidern?

Das ist wie bei den Anonymen Alkoholikern. Am wichtigsten ist die Einsicht. Sie lautet hier: Unbewusste Gehirnprozesse bereiten im Hintergrund jede Entscheidung vor und beeinflussen sie. Das Bewusstsein hinkt immer hinterher. Unsere Intuition kann für komplexe Entscheidungen zwar ein wichtiger Wegweiser sein, aber sogar, wenn ich mich absolut sicher fühle, sollte ich hinterfragen, wie ich eigentlich zu meiner Meinung, Einschätzung oder Wahl gekommen bin und mir im Zweifelsfall lieber alle Fakten gezielt aneignen.

Der Grat zwischen Intuition und Versagen ist also schmal ...

... ja, und in der Regel merken wir gar nicht, wenn wir danebenliegen.

Gilt das auch für den freien Willen?

Die Vorstellung, dass unser Wille vollkommen frei ist und sich über alle Widrigkeiten hinwegsetzen kann, ist falsch. Darauf weisen schon Erkrankungen wie Sucht und Zwänge hin. Das zeigen auch unsere Experimente mit dem MRT: Unbewusste Prozesse spielen eine gewaltige Rolle bei Willensentscheidungen.

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