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Eingeschnürt im Job
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Jobwechsel

Raus aus dem Korsett der Fremdbestimmung

Manfred Engeser, wiwo.de
Vom Automanager zum Ökohändler, vom Versicherungsfachmann zum Schreiner, von der Finanzexpertin zur Kunsthändlerin: Nicht nur der Berufseinstieg ist ein Neubeginn. Wenn die Erkenntnis, dass Geld nicht alles ist, prägend wird oder Selbstverwirklichung in einer ganz anderen Branche gesehen wird: Auch in späteren Jahren kann man noch mal so richtig durchstarten.
Gedämpfte Möhrchen mit Schnittlauch, Brokkoli in der Soja-Pfanne oder Rucola mit Kräuterdressing und Cashewnüssen aus Indonesien, zum Nachtisch eine Portion Sternanis-Apfel-Eis: Rund ein Dutzend Salate und Gemüsevarianten, zehn Nussarten und bis zu 40 Eissorten locken zum Mittagessen bei Veganz im Phoenixhof in Hamburg-Altona. Hauptgrund für den Andrang: Bei Veganz sind alle Produkte nicht nur garantiert biologisch, sondern vegan.

Das Eis wird also nicht aus Kuhmilch, sondern auf Reismilchbasis hergestellt, die Waffel enthält weder Ei noch Milchpulver. Und die Nüsse werden nicht erhitzt, um sie leichter schälen zu können.

Neustart geplant?

Buchtipp zum beruflichen Richtungswechsel:
Katharina Daniels, Manfred Engeser, Jens Hollmann: Sieg der Silberrücken. Linde Verlag 2013
Mittels des SISCA-Prinzips vermittelt das Buch höchst aufschlussreich, wie Neustarter von der Idee bis zur Umsetzung ihr Ziel erfolgreich verfolgen können: 1) Scan: Bestandsaufnahme 2) Insight: Einsichten ins Ich 3) Select: Suche nach Umsetzungschancen 4) Create: Schöpfungsprozess 5) Act: Machen!


Von Algensnacks über Pepperoni-Tofu-Pizza und Energieriegel mit Ananas-Inkabeere-Geschmack bis zu indischen Waschnüssen und Leckerlis für Hunde finden sich auf 400 Quadratmeter Ladenfläche 4000 garantiert vegane Produkte in den Regalen der Ende Juni 2013 eröffneten Hamburger Filiale von Veganz, Deutschlands einziger Supermarktkette, die ausschließlich Veganes anbietet. "Einkaufen, ohne die Zutatenliste studieren zu müssen, und sich etwas (Veganes) zu essen holen, wenn man Appetit hat", schreibt etwa Kundin Simone Vary an die Veganz-Pinnwand bei Facebook. "Das war mal echt eine Erleichterung."

Erster Supermarkt für vegane Produkte

Jan Bredack liebt Äußerungen wie diese. Im Juli 2011 hat der 41-Jährige am Prenzlauer Berg in Berlin Deutschlands ersten Supermarkt für ausschließlich vegane Produkte eröffnet, Mitte Dezember soll im hippen Münchner Glockenbachviertel Veganz-Filiale Nummer 5 folgen.

"Es läuft fantastisch", sagt Bredack, der sich selbst als "überzeugten, aber gemäßigten Veganer ohne Missionszwang" beschreibt. Und auf der Suche nach Investoren ist. 20 Millionen Euro will er für den Aufbau von insgesamt 21 europäischen Märkten bis Ende 2015 auftreiben, mittelfristig 60 Millionen Euro investieren.

"Geldsuche ist Knochenarbeit", sagt Bredack, "früher kamen solche Beträge wie Strom aus der Steckdose.“"

Turbokarriere beim Autobauer

Früher, damit meint Bredack die gut 20 Jahre nach dem Mauerfall, in denen er eine Turbokarriere beim Autobauer Daimler hinlegt: Vom Mechanikermeister übers BWL-Studium in die Nachwuchsförderung des Konzerns steigt Bredack alle zwei Jahre auf, ist mit Anfang 30 als Mitglied der Geschäftsleitung im Vertrieb Service Deutschland verantwortlich für drei Milliarden Euro Umsatz, 100 Mitarbeiter in der Zentrale und 20.000 Servicemitarbeiter in ganz Deutschland.

Neben seiner 80-Stunden-Woche im Konzern baut Bredack privat einen Online-Service für Grußkarten, Geschenkgutscheine und Musicaltickets auf. Großes Haus, regelmäßig neue Autos, teure Urlaubsreisen: Luxus ist Standard für Bredack.

Doch statt seine knappe Freizeit zu genießen, trainiert er 20 Stunden pro Woche Triathlon. "Ich trieb mich von einer Höchstleistung zur nächsten, wie ein gehetztes Tier", erinnert sich Bredack, der 2007 ein Burn-out erleidet. "Ich fühlte mich wie in einer Sackgasse, musste mein Leben radikal ändern."
 


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