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Vorsorge

Privat versichern: Nachrüsten, bis der Arzt kommt

Catrin Gesellensetter
Der Schutz der gesetzlichen Krankenversicherung ist okay, aber längst nicht perfekt - und wird künftig auch sicher weiter zur Ader gelassen. Aber mit den richtigen privaten Zusatzpolicen können Kassenmitglieder nachrüsten, bis der Arzt kommt.
Private Zusatzpolicen: Im Notfall ein SegenFoto: © dicktraven - Fotolia.com
Einmal aufpäppeln, bitte!Fünf Sterne, schneesichere Hänge und ein Abendprogramm der Extraklasse: Nach zwei Jahren Dauerstress im Job hat sich Christof Langner* im letzten Frühjahr einen Wunsch der besonderen Art erfüllt. Heli-Skiing in Kanada. Der Traum vom Fliegen ist jedoch schon vor dem ersten Start zu Ende. Auf dem Weg ins Hotel kommt der Hamburger Unternehmensberater mit seinem Mietwagen von der Straße ab, überschlägt sich. Die Diagnose der kanadischen Ärzte: Schädelbruch.

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Um eine Therapie aus einer Hand zu gewährleisten, wird der schwer verletzte Urlauber noch in derselben Woche nach Deutschland in eine Spezialklinik geflogen. Dort heilt die Verletzung zwar bestens. Allerdings quälen den 32-Jährigen nun ganz neue Sorgen: Seine Krankenkasse weigert sich, den Rücktransport von Calgary nach Hamburg zu bezahlen. Begründung: Der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sehe derartige Ausgaben nicht vor. Für die Kosten in Höhe von 30.000 Euro muss Langner selbst aufkommen.Ganz so schmerzhaft wie in diesem Fall bekommen zum Glück nur wenige Kassenmitglieder die Schwachstellen ihrer Versicherung zu spüren. Doch der Schutz der gesetzlichen Kassen bröckelt. Zwar kommt die GKV nach dem Gesetzeswortlaut noch immer für jede "medizinisch notwendige Behandlung" auf; doch was die Kasse als notwendig erachtet und erachten darf, ist vielen Versicherten zu dürftig.Von wegen Privatvergnügen
Viele junge und gesunde Versicherte liebäugeln daher mit einem Wechsel ins Lager der Privatpatienten. Doch die Hoffnung, sich für weniger Geld die besseren Leistungen zu sichern, erfüllt sich nicht immer. Die erste große Hürde: Nur wer mehr als 47.700 Euro brutto im Jahr verdient, darf bei Allianz, DKV & Co. landen. Und mit dem Inkrafttreten der Gesundheitsreform muss dieses Einkommen nicht nur einmalig, sondern drei Jahre hintereinander überschritten werden. Berufseinsteigern, die weniger verdienen, bleibt dieser Weg schon deshalb verschlossen.
Doch selbst wenn der Wechsel in die private Krankenversicherung (PKV) theoretisch möglich wäre, rechnet er sich nicht automatisch. "Anders als im gesetzlichen System müssen Kinder und Partner in der PKV eine eigene Police erhalten. Das kann monatlich einige hundert Euro kosten", erläutert Stefan Albers, Vizepräsident des Bundesverbandes der Versicherungsberater. Für Familienmenschen und solche, die es werden wollen, bietet die GKV also einen entscheidenden Vorteil.Weiteres Plus der Gesetzlichen: Individuelle Risiken oder Vorerkrankungen wirken sich nicht auf die Beiträge aus - anders als bei den privaten Gesellschaften. "Wer beispielsweise eine Veranlagung zu erhöhtem Blutdruck oder Cholesterin hat, kann sich eine private Versicherung selbst in jungen Jahren kaum leisten", weiß Niels Nauhauser, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Der Grund: Während die gesetzlichen Kassen jedes Mitglied akzeptieren müssen, kalkulieren die Privaten streng nach Risiko. Je älter ein potenzieller Neueinsteiger ist, desto teurer wird auch die Versicherung. Bereits bekannte Wehwehchen treiben die Beiträge nochmals in die Höhe - oder führen dazu, dass die Gesellschaft die Aufnahme des Mitgliedes gleich ganz verweigert.Nichts ist unmöglich
In vielen Fällen ist es deshalb sinnvoll, im Schoß der gesetzlichen Krankenversicherung zu bleiben und nur bestimmte Extras dazuzukaufen. Die Auswahl ist reichhaltig. Ganz nach Gusto lässt sich das Wunschprogramm zusammenstellen: Von der Zusatzpolice fürs Krankenhaus, die zum Beispiel ein Einbettzimmer und den Chefarzt sichert, über ambulante Extras wie Heilpraktiker- oder Brillenfinanzierung bis zum Rund-um-sorglos-Zahnersatz-Paket (siehe Kasten unten). Die Versicherungsbranche bietet alles, was das Herz begehrt, man muss es sich nur langfristig leisten können.
Schützenhilfe in Sachen Bezahlbarkeit erhalten Kunden oft von ihren Krankenkassen. Diese dürfen seit Anfang 2004 private Policen vermitteln. Mittlerweile hat fast jede Kasse einen oder mehrere Versicherer als Kooperationspartner gefunden, die exklusiv für die jeweilige Kassen-Klientel ihre Dienste offeriert. Der Vorteil: Wenn die Krankenkassen mit ihren privaten Partnern Angebote aushandeln, kommen sie meist in den Genuss besonders günstiger Gruppentarife. Solch ein Vertrag kann bis zu zehn Prozent günstiger sein, als ein Direktvertrag mit der Privaten.Und statt nach dem sonst erforderlichen umfassenden Gesundheits-Check richtet sich der Preis der Produkte allein nach Alter und Geschlecht des Versicherten. "Gerade für Patienten, die sonst Probleme hätten, sich privat zu versichern, sind die Kooperationstarife eine gute Sache", urteilt Verbraucherschützer Nauhauser. Unbesehen sollten GKV-Mitglieder die Koop-Angebote ihrer Kasse trotzdem nicht unterschreiben. "Die Tarife, die die Kassen vermitteln, sind darauf zugeschnitten, die Bedürfnisse möglichst vieler Kunden abzudecken", weiß Berater Albers. Das bedeute aber nicht zwangsläufig, dass sie mit den Wünschen jedes einzelnen Versicherten übereinstimmten. Im ungünstigen Fall kann das vermeintlich preiswerte Produkt sogar teurer als die Einzellösung bei einem anderen Anbieter sein.Sperrig sind die Kooperationstarife bei einem Kassenwechsel: Wer seinem alten Versicherer den Rücken kehrt, um bei einem Wettbewerber unterzukommen, darf seine private Zusatzpolice zwar meist behalten; die Sonderkonditionen des Gruppentarifs kommen ihm jedoch nicht länger zugute. Stattdessen muss er künftig die - in der Regel höheren - herkömmlichen Beiträge zahlen, die bei einem Direktkauf angefallen wären. Verbindliche Empfehlungen, welchen privaten Schutz ein GKV-Kunde braucht und welche Versicherung die beste ist, lassen sich Experten daher nicht entlocken. "Die Wahl der Zusatzpolicen ist bis zu einem gewissen Grad auch eine Frage des persönlichen Geschmacks", resümiert Berater Albers. Pflichtprogramm sei jedoch eine Auslandsreisekrankenversicherung. Und die beweist, dass ein umfassender Schutz nicht immer teuer sein muss. Im Fall von Christof Langner hätten bereits zehn Euro ausgereicht, um 30.000 Euro zu sparen.* Name geändertDie vier gängigsten Extra-BausteineAuslandsreiseschutz
Da die Leistungen der normalen Krankenversicherungen für Behandlungen im Ausland, je nach Reiseland, mehr oder weniger große Lücken aufweisen, ist für Kassen- wie Privatpatienten eine Auslandsreise-Krankenversicherung sehr ratsam. Sie trägt die Kosten für stationäre und ambulante Behandlungen weltweit, inklusive Rücktransport ins Heimatland. Der Preis: ab zehn Euro pro Jahr. Achtung: Wer länger oder berufsbedingt ins Ausland geht, sollte ein Auge auf Laufzeiten und Sonderregeln haben.
Stationäre Ergänzungsversicherung
Für den Fall, dass man mal ins Krankenhaus muss, lohnt eine Zusatzpolice ergänzend zum normalen Kassenschutz. Die Vorteile: Der Patient kann sich die Klinik und den behandelnden Arzt aussuchen, kriegt ein Einzel- oder Zweibettzimmer und je nach Police innovative Behandlungsmethoden. Der Preis: ab 20 Euro monatlich für einen gesunden 30-Jährigen, ab 25 Euro für eine gleichaltrige Frau. Bei Vorerkrankungen wird's teurer.
Zahnzusatzpolicen
Die Krankenkassen tragen bei regelmäßiger Zahnvorsorge und eifriger Pflege des Bonusheftchens maximal 65 Prozent der Kosten für Kronen & Co. - de facto meist nur die Hälfte. Die Differenz müssen Patienten selbst zahlen. Eine Zusatzpolice würde hier einspringen. Diese sollte allerdings mehr können, als nur die Lücke zur Kassenbehandlung zu füllen. "Eine gute Zusatzversicherung greift auch dort, wo der Leistungskatalog der Kassen endet - etwa bei Implantaten oder Inlays", sagt Versicherungsberater Stefan Albers. Der Haken bei den meisten Policen: Sie sehen bestimmte Wartezeiten vor, bevor man zur dentalen Kernsanierung antreten darf, oder erstatten zu Beginn der Laufzeit nur einen Teil der Kosten. Bei teuren Behandlungen von mehreren tausend Euro kann eine Zahnzusatzpolice ein Segen sein, Kapital für kleinere Maßnahmen lässt sich alternativ auch über einen flexiblen Sparplan ansammeln.
Ambulante Leistungen aufstocken
Bei Kunden wie Versicherungen beliebt, aber nur bedingt sinnvoll, sind Ergänzungstarife für ambulante Leistungen, die etwa Brillen oder Heilpraktikersitzungen finanzieren, die die Krankenkassen nicht tragen. "Diese Produkte bieten oft ein Sammelsurium verschiedener Zuschüsse, die sich selten rechnen", meint Berater Albers. Wer sich solch einen Schutz zulegen will, sollte vorher seinen regelmäßigen Bedarf an solchen Leistungen prüfen. Alle fünf Jahre eine neue Brille oder sporadische Akupunktur- oder Bioresonanzbehandlungen könnte man zur Not auch selbst finanzieren.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2007

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