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Pokern im Job
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Strategie

Pokerfertigkeiten für den Job

Anne Hansen
Risiken abwägen, Strategien verschleiern und auf lange Sicht denken: Jan Heitmann ist deutscher Poker-Profi und gibt Seminare für Manager. Im Interview verrät er, wie viel Poker in der Wirtschaft steckt – und andersherum.
Pokerspieler, so das Klischee, setzen alles auf eine Karte und legen, wenn sie ihr Geld verloren haben, frühmorgens dann auch noch den Autoschlüssel als letzten Einsatz auf den Tisch. Solche Klischees kann der deutsche Profi Jan Heitmann nicht bedienen. Er berechnet bei jedem Spielzug die Erfolgswahrscheinlichkeit und verwaltet seine Bankroll – damit ist in der Pokerszene das Geld gemeint, das man einsetzen kann – erfolgreicher als mancher Fondsmanager. Seine Spielweise: durchdacht, strategisch – aber im Zweifel auch aggressiv.

Herr Heitmann, Manager wurden schon in den Hochseilgarten, zum Boxtraining und in den Pferdestall geschickt. Warum müssen sie jetzt auch noch pokern?

Nun, es ist einfach der perfekte Mikrokosmos für die optimale Entscheidungsfindung. Man hat nur unvollständige Informationen zur Verfügung. Jederzeit kann etwas Unvorhersehbares passieren, und noch dazu steht man unter enormem Zeitdruck. Und vor diesem Hintergrund muss man Entscheidungen treffen, bei denen es oft um viel Geld geht. Eigentlich sind das ziemlich exakt die Bedingungen, die man auch in der täglichen Wirtschaftswelt findet.

Bis auf den Unterschied, dass ein Manager nicht an einem Tag Tausende von Entscheidungen treffen muss, wie es der Pokerspieler locker an einem Abend tut. Ist Poker so etwas wie Wirtschaft für Gnadenlose?

Mir kommt die Wirtschaft eigentlich oft unbarmherziger vor (lacht). Für mich ist Poker eine Mischung aus Logikpuzzle und Infokrieg. Genau das erlebt der Manager doch jeden Tag: Was macht der Mitbewerber? Was geht im Kunden vor? Wie verdecke ich am besten meine eigene Strategie, so dass ich keine Nachahmer finde? Um zur perfekten Entscheidung zu kommen, wollen wir immer mehr wissen und möglichst wenig von uns selbst preisgeben. Das ist die Definition von Poker.

Während der Schach-WM wurde uns Schach als heiliger Gral fürs Management verkauft. Nun kommen Sie mit Poker.

Schach ist ein tolles Spiel, keine Frage. Aber es ist von den Bedingungen im echten Leben Lichtjahre entfernt. Beim Schach hat schlicht derjenige einen Vorteil, der weit genug in die Zukunft rechnen kann. Beim Poker – und auch in der realen Welt – gibt es aber so viele unvorhersehbare Ereignisse, die auf einen Schlag jede Strategie umwerfen können. Nehmen Sie an, Ihre Fabrik wurde durch einen Tsunami zerstört. Da nützt Ihnen Ihr schöner Fünfjahresplan nichts, sondern dann stehen Sie da.

Und tun was?

Das kann man so natürlich nicht beantworten. Ich kann aber sagen, was man nicht tun sollte: Fragen Sie sich nicht permanent: 'Was wäre wenn'. Die besten Pokerspieler sind extrem gegenwartsorientiert. Sie ärgern sich nicht über gespielte Hände und projizieren sich nicht schon an den Final Table, wenn es mal gut läuft. Man hinterfragt nicht, wie genau man jetzt in diese Situation gekommen ist, sondern handelt einfach.

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