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Es gibt Hoffnung, dass die Personaler in den nächsten ein, zwei Jahren die Lücke schließen können
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Digitalisierung

Personaler hinken hinterher

Kerstin Dämon, wiwo.de
In Fabriken ist längst alles vernetzt, die Mitarbeiter flitzen mit Tablets durch die Werkshalle. Die Personalabteilung steht auf der Digitalagenda weit hinten. Dabei trägt HR viel zum Unternehmenserfolg bei.
Die Digitalisierung der Unternehmen liegt in den Händen der Personalabteilung. Zumindest theoretisch. Sie müssen sich um digitale Talente bemühen und die analogen Kollegen in der Stammbereitschaft entsprechend weiterentwickeln. Sie sollen den Teamleitern zumindest beratend zur Seite stehen, wenn es um Mitarbeiter-Feedback und Entwicklung geht.

Auch eine Studie der EBS Business School zusammen mit dem Digitalverband Bitkom zeigt: ohne HR sieht es schlicht aus mit der digitalen Zukunft von Unternehmen. Das gehe bei Recruiting los und höre bei der Flexibilisierung von Arbeitsstrukturen und der Weiterentwicklung der Unternehmenskultur noch lange nicht auf.

Das operative Geschäft hat Vorrang

Das Problem ist: Es wird täglich deutlicher, dass "der Mitarbeiter ist unsere wichtigste Ressource" mehr als eine Floskel ist. Nur die, die diese wichtigste Ressource suchen, finden und fördern sollen, die stehen in der Wertschätzungskette eher unten. Zumindest hat die Ausstattung der Personalabteilung mit digitalem Handwerkszeug eine eher untergeordnete Priorität. Das zeigt eine Umfrage der WirtschaftsWoche gemeinsam mit Cornerstone OnDemand, einem Anbieter von Talent Management Software unter deutschen Mittelständlern.

Bei 100 Personalern haben wir nachgefragt, wie digital ihre Arbeitsweise ist. Zusammengefasst lässt sich sagen: erst muss das operative Geschäft laufen, dann kommen alle anderen dran. So gaben 28 Prozent der befragten Personaler an, dass die Digitalisierung der HR-Abteilung kein eigenständiges Projekt sei, nur zwölf Prozent haben ein eigenes Budget für Digitalisierungsmaßnahmen. Zur Aussage "Wir führen das Unternehmen durch die Digitalisierung" konnte sich keiner der Befragten durchringen. Das sei Sache der IT, des Chefs oder – falls vorhanden – des CDOs. Wie es um die Personalabteilungen der Konkurrenz bestellt sei, konnten die Befragten mehrheitlich nicht einschätzen.

Digitalisierung ist in den Unternehmen angekommen, nur nicht in den Personalabteilungen

Was das operative Geschäft angeht, sieht es bei den befragten Unternehmen – überwiegend Maschinenbau und produzierendes Gewerbe – ganz anders aus. Während die Digitalisierung der Personalabteilung nur nachrangig gefördert wird, arbeitet die Produktion mit smarten Handschuhen, Augmented Reality und Robotern. Dort geht es schließlich um Effizienzsteigerung, Kostensenkung, kurz: um Wettbewerbsfähigkeit. Und hier brilliert die deutsche Wirtschaft, wie eine repräsentative Bitkom-Studie zeigt.

Demnach hat jedes zweite Unternehmen (55 Prozent) infolge der Digitalisierung bestehende Produkte oder Dienstleistungen angepasst, 39 Prozent haben neue entwickelt und auf den Markt gebracht. 45 Prozent der Unternehmen geben an, dass sie durch die Digitalisierung neue Kunden gewinnen konnten. "Die Digitalisierung ist in den Unternehmen angekommen und wird praktisch angegangen", bestätigt Bitkom-Präsident Thorsten Dirks. "Sie wird nicht mehr als außerordentliche Herausforderung wahrgenommen, sondern als eine unternehmerische Aufgabe wie andere auch." 
 
Und da liegt das Problem: Trotz allem "Fachkräftemangel"-Geschrei gehört die Verwaltung der Ressource Mensch eben nicht zu den unternehmerischen Aufgaben. Dass das läuft, wird gern für selbstverständlich genommen. Das zeigt auch die Antwort auf die Frage, wie die Leistungsfähigkeit der HR-Abteilung gemessen werde. 28 Prozent sagten: gar nicht. Bei 22 Prozent werde auf die Anzahl von Weiterbildungsmaßnahmen und Neueinstellungen geachtet. Richtige KPIs sehen anders aus.

Problem Personalmangel 

Doch gerade wegen der zunehmend wichtigeren Personalfrage sollten diejenigen, die für das Personal zuständig sind, mehr in den Fokus rücken. Ihre strategische Bedeutung ist nicht mehr länger von der Hand zu weisen. Das sieht man auch beim Ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) so, weswegen das BMBF bereits mehrere Projekte zur Förderung besserer Personalarbeit fördert. Immerhin: die befragten HR-Verantwortlichen gaben an, dass es bei ihnen nicht an uneinsichtigen Chefs läge, dass sie noch mit Excel arbeiten, sondern überwiegend am Personalmangel. Sie haben genug mit ihrer eigentlichen Arbeit – der Arbeit der anderen – zu tun, als dass sie sich noch um neue Methoden und Tools für sich kümmern könnten. Das gleiche Lied sang vor gut zwei Jahren ein Großteil der Betriebe: "Wir haben so viel mit dem Herstellen von Schrauben zu tun, da können wir uns wirklich nicht noch um digitale Geschäftsmodelle kümmern." 
 
Das gibt Hoffnung, dass die Personaler in den nächsten ein, zwei Jahren die Lücke schließen können. Immerhin sagen heute bereits über 70 Prozent, dass sie mit Digitalisierungsmaßnahmen angefangen haben oder sie zumindest planen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 24.11.2017

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