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Pendeln für den besseren Job
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Jobs: mobil und flexibel

Pendeln zeigt Verdichtung der Arbeitswelt

Teil 2: Auf der Jagd nach dem Besten aus zwei Welten

Auch Uwe Malich kann sich den Mechanismen der modernen Berufswelt nicht entziehen. Er ist Bürgermeister von Wildau. 4000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte hat der Ort, aber nur 700 davon arbeiten auch hier. Der Rest pendelt, meist ins rund 20 Kilometer entfernte Berlin.

Einige von ihnen werden bald im Neubaugebiet Am Rosenbogen wohnen. 185 Wohnungen entstehen hier, Blick ins Grüne, Gärten für Mieter im Erdgeschoss. Zehn Euro der Quadratmeter, so hat es der Investor kalkuliert. "Das ist vor allem etwas für Leute, die einen guten Job in Berlin haben", sagt Mahlich. Leute, die ihr grünes Idyll suchen und solche Preise günstig finden.

Am 3. Oktober 1990 hatte Wildau 7046 Einwohner, heute sind es 10.064, bis 2025 sollen es mindestens 12.500 sein. Die Entwicklung zeigt, dass die Menschen auch heute noch der gleichen Illusion aufsitzen wie vor Jahrzehnten: Wer das Pendeln in Kauf nimmt, der könne das Beste aus zwei Welten kombinieren – den gut bezahlten Job in der Großstadt und die Idylle auf dem Land.

Doch genau das sollte jeden Hauskäufer misstrauisch machen: Wenn es den perfekten Ort gäbe, wo die Vorzüge des Wohnens im Grünen ohne Nachteile existierten, wie wahrscheinlich ist es dann, dass das außer ihm fast niemand merkt? Denn jedes Wohngebiet, das in den vergangenen Jahren in der Stadt entstanden ist, war wieder ein Stück weiter von der Bahn entfernt.

Zur Haltestelle laufen kann da längst keiner mehr, also fährt man mit dem Auto zur Bahn, zeitgleich mit immer mehr anderen. Bis irgendwann aus der Idylle eine dieser gesichtslosen und verstopften Vorstädte geworden ist, in die man doch bewusst nicht ziehen wollte. Zumal die theoretischen Vorteile der Fahrt ins Grüne in der Praxis schnell verpuffen. Viele reden sich ein, sie könnten auch im Zug arbeiten. Dass das auf einem Stehplatz im vollen Pendlerzug illusorisch ist, vergessen die meisten.

Bahnnetz jenseits der Belastungsgrenze

Allerdings ist es nicht damit getan, einfach mehr Züge auf die Gleise zu schicken. Niemand weiß das besser als Martin Husmann, Chef des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR) und damit zugleich zuständig für den Rhein-Ruhr-Express (RRX).

2,5 Milliarden Euro investiert der Bund, um den Raum zwischen Köln und Dortmund besser zu vernetzen. Mehr als 4,4 Millionen der rund 8,9 Millionen Erwerbstätigen in NRW pendeln jeden Tag. Einzelne Oberzentren, vor allem Düsseldorf und Köln, ziehen Hunderttausende an. Aber es wird auch kreuz und quer gependelt. Von Recklinghausen nach Wuppertal, von Oberhausen nach Bochum, von Neuss nach Solingen. Sogar 34 Prozent der Schüler an Berufskollegs pendeln inzwischen.

Für Husmann haben diese Ströme den Vorteil, dass sie die Züge relativ gleichmäßig auslasten. Zugleich aber ist das Netz jenseits der Belastungsgrenze. Die Regionalexpresszüge zwischen Köln und Düsseldorf sind in den Stoßzeiten durchschnittlich mit gut 1000 Menschen besetzt, dabei haben sie nur 720 Sitzplätze.

Oft entstehen Verspätungen, weil das Ein- und Aussteigen nicht in der vorgesehenen Haltezeit zu schaffen ist. Der RRX soll diese Probleme lösen, auf der Haupttrasse zwischen Köln und Dortmund soll ab 2030 alle 15 Minuten ein Zug verkehren. Aber Husmann sagt auch: "Wir sind mit dafür verantwortlich, dass die Pendlerzahlen in der Region weiter steigen."

Das Leiden der Arbeitgeber vor Ort


Es ist eine der ältesten Weisheiten der ökologischen Bewegung: Wer die Straße verbreitert, der löst nicht den Stau auf – er schafft nur mehr Verkehr. Das Gleiche gilt für alle anderen Formen der Mobilität.

Husmann hat das schon einmal beobachtet, als der VRR einen direkten Regionalexpress von Münster nach Düsseldorf einrichtete. Innerhalb eines Jahres verdoppelte sich die Zahl der Zugpendler zwischen den Städten.

Paul Heinz Bruder ist einer der letzten seiner Art. Früher war die Region um Nürnberg ein Dorado für Kinderartikel, heute sind nur noch wenige übrig. Neben dem Branchenriesen Simba-Dickie ist Bruders Familienbetrieb in Fürth, den sein Großvater einst gründete, mit 430 Mitarbeitern und 78 Millionen Euro Umsatz einer der wichtigsten. Mehr als 70 Prozent der lokalen Arbeitnehmer verlassen morgens die Stadt, meist Richtung Nürnberg oder Erlangen, wo Siemens und die Uni locken.

Bruder hingegen habe Probleme, gute Leute zu finden. Denn die meisten Fürther sind es gewohnt, nicht in Fürth zu arbeiten. Für sie sind Wege an andere Orte attraktiver. Eine Stadt, die Pendlern schnelle Wege zu ihren Arbeitsplätzen bietet, mag attraktiv für neue Einwohner sein – für Arbeitgeber vor Ort aber nicht unbedingt.

Attraktive Zentren oder attraktive Anbindungen?

Die Stadt muss sich deswegen entscheiden: Will sie all die Pendler morgens ohne Probleme aus Fürth nach Erlangen oder Nürnberg fahren lassen, muss sie direkte Verbindungen aus dem Zentrum in diese Städte bauen. Damit aber bleibt weniger Geld übrig, um das Umland-Netz auszubauen, weshalb die Menschen ins Zentrum ziehen. Verlierer sind die Unternehmen in den Gewerbegebieten, wie Spielzeugproduzent Bruder. Sie müssen Menschen aus umliegenden Orten rekrutieren, die dann aufs Auto angewiesen sind.

Volkswirtschaftlich sind diese Entwicklungen durchaus positiv, schließlich ist ein funktionierender Arbeitsmarkt immer auch flexibel. Mit Unternehmen, die schnell neue Leute einstellen, wenn sie Arbeit haben. Und Arbeitnehmern, die nicht zögern, für einen Job lange Strecken auf sich zu nehmen. Je mehr gependelt wird, desto flexibler sind die Menschen also. Aber nicht unbedingt glücklicher.

Pendeln als Lebenskalkulation


Den Lärmschutz, den man ihr versprochen hat, den hält Elke Wagner für ungenügend. Deshalb protestiert sie. Zusammen mit ein paar Hundert anderen hat sie sich in der Initiative Angermund verbündet und damit irgendwie auch gegen all die anderen Pendler. Wagner will einen Tunnel, aber der kostet angeblich 500 Millionen Euro: "Wenn man uns nicht entgegenkommt, dann werden wir dagegen klagen", sagt Wagner. "Das wird den Bau in jedem Fall um ein paar Jahre verzögern."

Dass sie dadurch nur noch länger ganz ohne Lärmschutz leben müsste, würde sie in Kauf nehmen. Und ahnt gar nicht, dass sich in ihrem Kampf die ganze Widersprüchlichkeit zeigt: der Pendler, dem die anderen Pendler die Lebenskalkulation kaputt machen. Dann doch lieber Home-Office für alle.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 10.01.2018

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