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Pendeln für den besseren Job
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Jobs: mobil und flexibel

Pendeln zeigt Verdichtung der Arbeitswelt

Konrad Fischer und Simon Book, wiwo.de
Den oft stundenlangen Weg zur Arbeit nehmen viele in Kauf. Er gefährdet die Gesundheit, statt das erhoffte Glück zu bringen. Trotzdem pendeln kaum so viele Menschen wie die Deutschen.
Es klang nach einer guten Idee. Jahrelang hatte Elke Wagner in der Düsseldorfer Altstadt gelebt, sie mochte den Trubel. Doch nachdem sie Kinder bekam, schien ihr das Haus am Stadtrand die bessere Alternative. Mehr Platz zum Spielen, weniger Straßen zum Sorgenmachen.

Also zog sie mit der Familie nach Angermund im Norden der Stadt. Theoretisch Düsseldorf, praktisch Einfamilienhäuser, Felder, eine Eisenbahn. Wagner wusste, worauf sie sich einließ – und bereitete sich vor. "Ich habe damals extra beim Eisenbahn-Bundesamt angerufen und mich erkundigt, wann hier Lärmschutz kommt", sagt Wagner, "und die sagten mir: Da machen Sie sich mal keine Sorgen."

Seitdem sind elf Jahre vergangen. Und das Einzige, was sich verändert hat, ist die Zahl der Züge, die an Wagners Haus vorbeifahren. Früher waren es 300 am Tag, heute sind es 500. Wenn der Rhein-Ruhr-Express kommt, dürften es gar 700 werden.

Deutschland ist Pendlerrepublik

Ob Tag für Tag oder Wochenende für Wochenende, ob mit Auto, Flugzeug oder Zug: Andere Lebensformen, billigere Flüge, neue ICE-Strecken und ein dichtes Autobahnnetz, die Verdichtung der Arbeitswelt und die Hoffnung auf Karriere haben Deutschland in eine Pendlerrepublik verwandelt.

59 Prozent aller Arbeitnehmer, 18,4 Millionen Menschen, verlassen tagsüber die Grenzen ihres Wohnortes – so viele wie nie zuvor. Damit nähert sich das Land im internationalen Vergleich den Spitzenreitern an. Nur in Belgien, den Niederlanden, Schweden, Dänemark und Großbritannien ist der Pendleranteil höher.

Dafür gibt es ein paar naheliegende Ursachen, etwa den Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre. Je mehr Menschen Jobs finden, desto mehr setzen sich jeden Morgen in die Bahn oder ins Auto. Außerdem gibt es mehr Partnerschaften, in denen beide berufstätig sind. Andere pendeln, weil ihre Firma umgezogen ist oder weil sie an ihrem Wohnort keinen anderen Job finden, zumindest keinen besseren.

Pendeln nervt – und macht krank

Dabei geben Pendler in allen Umfragen an, mit ihrem Schicksal zu hadern. Den einen nervt der Stau, den anderen das Warten am zugigen Bahnhof, den dritten die Nähe der riechenden oder redenden Menschen. Kein Wunder, dass es Dutzende Studien gibt über die gesundheitlichen Folgen des Pendelns: Es stresst, macht krank und unglücklich. Das US-Forschungsinstitut Gallup befragte vor einigen Jahren mehr als 170.000 Amerikaner. Von den Pendlern, die täglich über 90 Minuten unterwegs waren, litt jeder Dritte unter Nacken- oder Rückenproblemen.

Der britische Stressforscher David Lewis wiederum maß für eine Studie fünf Jahre lang den Blutdruck und die Herzfrequenz von 125 Pendlern. In belastenden Situationen stieg deren Stresspegel nicht nur stärker als der von Kampfpiloten. Sie vergaßen häufig sogar Teile ihres Weges zur Arbeit – die sogenannte "Pendler-Amnesie". Und der renommierte Schweizer Ökonom Bruno Frey kam zu dem Ergebnis: Wer für den Weg zur Arbeit eine Stunde benötigt, müsste theoretisch 40 Prozent mehr verdienen, um genauso glücklich zu sein wie jemand, der seinen Job direkt um die Ecke hat.

Wenn die negativen Folgen des Pendelns so eindeutig sind – warum steigt die Zahl der Pendler trotzdem? Geht man dieser Frage nach, stößt man auf die Selbsttäuschung einer ganzen Republik.

Darmstadt: Metropole der "Einpendler"

Pendeln kann richtig schön sein, zumindest, wenn man anderen dabei zuschaut. "Das ist doch ein lebendiger Ort, einer europäischen Metropole würdig", sagt Jochen Partsch und spricht über Darmstadt, wie es aus seinem Dienstzimmer gesehen vor ihm liegt. Um den Luisenplatz in der Stadtmitte wuseln Passanten, Busse kreuzen, alle paar Augenblicke rumpelt eine Straßenbahn vorbei. Die Autos haben derweil einen sechsspurigen Tunnel für sich.

Partsch ist Oberbürgermeister von Darmstadt, Metropole der sogenannten Einpendler: Fast 70.000 der knapp 100.000 Arbeitsplätze sind von Menschen besetzt, die nicht hier leben. Zugleich gibt es mit 27.000 relativ wenige Auspendler, also Menschen, die in Frankfurt oder Mannheim arbeiten, aber in Darmstadt leben.

"Natürlich hat es für uns viele Nachteile, dass die Leute nur zum Arbeiten kommen", sagt Partsch, der dabei an all die Straßenbahnen, Busse oder Ampelanlagen denkt, die er bezahlen darf, während die meisten Nutzer ihre Steuern woanders entrichten. In diesem Jahr werde die Stadt die Grenze von 100.000 Pendlern am Tag überschreiten, sagt Partsch und klingt dabei fast stolz auf seine 160.000-Einwohner-Stadt.

Ziemlich erstaunlich eingedenk all der Probleme, die das mit sich bringen wird. Heißt diese wachsende Zahl nicht auch, dass die Angestellten zwar zum Arbeiten nach Darmstadt kommen, aber dort nicht so gerne wohnen möchten? Die Darmstädter müssen nur morgens die Stauansagen im Radio abhören, um zu merken, dass der Anstieg der Pendlerzahlen mehr ist als ein statistischer Effekt. Denn die Berufsreisenden werden mehr – und ihre Wege werden länger: Die Anzahl der Arbeitnehmer mit einem täglichen Fahrtweg von mehr als 50 Kilometern ist in den vergangenen 20 Jahren von 13 auf 21 Prozent gestiegen.

Teure Infrastruktur

Eigentlich müsste es die Aufgabe von Menschen wie Oberbürgermeister Partsch sein, diesen Trend umzukehren. Weniger Pendler gleich geringere Ausgaben für die Infrastruktur. Doch für die meisten Stadtoberhäupter sind sie Statussymbole:
Viele Einpendler heißt viele Arbeitsplätze heißt viele Unternehmen, die sich für den Standort entscheiden, und das klingt wie: Der Oberbürgermeister hat einen guten Job gemacht. Dabei fördert er in Wahrheit vor allem den Selbstbetrug der Pendlernation.

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