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Rechtsanwälte

Partner auf Abwegen

Teil 3: Die "Counsel" kommen

"Früher kam man in die Großkanzlei und hat auf den Partnerstatus hingearbeitet. Dazu gehörte die Bereitschaft, sich aufzuopfern. Ein Teil der heutigen Generation setzt andere Prioritäten", sagt Wolf Kahles. Kanzleimanager wie der Personalchef von Clifford Chance hören in Vorstellungsgesprächen immer öfter, ob es denn nicht auch anders geht. Auch weil die Jungen wissen, wie gering die Chance ist, überhaupt noch Partner zu werden.

Kahles hat mal nachgezählt: Von den 48 Absolventen, die 2003 in die Kanzlei kamen, sind noch neun an Bord, vier auf Partnerebene. Weitere vier haben einen Status, den man in den Sozietäten demnächst häufiger sehen wird: Counsel. Sie stehen in der Hierarchie zwischen den Associates und Partnern, haben keine Anteile an der Firma und verdienen wohl je nach Kanzlei zwischen 150.000 und etwas mehr als 200.000 Euro.

Einige könnten künftig bis zur Rente auf der Position bleiben. Das zumindest ist in fast allen Topkanzleien eine recht neue Karriereoption, hier und da heißt sie nur anders. "Wir sehen bereits, dass mit Einführung des neuen Karrieremodells die Zeit, die Associates im Schnitt bei uns bleiben, steigt", sagt Hubertus Kolster, Partner bei CMS Hasche Sigle.

Veränderte Kanzleikulturen

Für die Sozietäten brechen somit gleich doppelt neue Zeiten an. Zum einen, weil sie künftig auch eine Gruppe von Kollegen jenseits der 60 beschäftigen werden. Vor allem in den angelsächsisch geprägten Kanzleien räumen die Partner bisher schon mit Mitte bis Ende 50 ihren Schreibtisch, um Platz für den Nachwuchs zu machen.

Zum anderen werden sie künftig erfahrene Juristen im Haus haben, die keine Partner sind und damit keinerlei unternehmerisches Risiko tragen. Das könnte die Kultur in den Kanzleien radikal verändern, zu viele dürfen es also nicht werden.

"Um es ganz deutlich zu sagen: Es wird eine Minderheit sein, aber aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten eine sehr geschätzte", sagt Clifford-Chance-Personalchef Kahles. Das Up-or-Out-Modell bleibe der gängige Karriereansatz in den Kanzleien.

Verlangen nach individueller Vielfalt

Auch für viele Anwälte gilt das Prinzip noch immer als das einzig gültige, selbst wenn es heute im Schnitt ein bis zwei Jahre länger dauert bis zur Partnerschaft. "Counsel ist für mich ganz klar eine Zwischenstufe, ich möchte Partner werden", sagt etwa Timon Grau, der als Arbeitsrechtler für Freshfields in Frankfurt arbeitet. Doch auch Grau merkt, dass sich in den Kanzleien, in seiner Kanzlei, etwas verändert.

Das Thema Work-Life-Balance wird wichtiger. "Ich sehe auch bei uns einen kulturellen Wandel, zum Beispiel im Hinblick auf mehr individuelle Flexibilität und Vielfalt, den ich sehr begrüße", sagt er.

Alles nur Marketing?

CMS-Partner Kolster sieht darin eine Notwendigkeit: "Es kann nicht sein, dass Mitarbeiter innerhalb von zwei oder drei Jahren verschlissen werden und ihr privates Umfeld darunter leidet. Es müssen ein vernünftiges Arbeitsumfeld und individuelle Karrieremöglichkeiten angeboten werden."

Auch weil die Kanzleien, zumindest öffentlich, an sich selbst den Anspruch stellen, mehr Frauen in die Partnerriegen zu befördern. Deren Anteil ist in allen Kanzleien mager. Clifford Chance etwa stellt heute zwar fast zur Hälfte Absolventinnen ein, hat aber nur 16 Prozent weibliche Partner. Mit Teilzeit-Angeboten und flexiblen Arbeitszeiten soll sich das ändern.

Die Frage ist nur: Lässt sich all das mit dem Up-or-Out-Prinzip vereinbaren, oder ist es lediglich Marketing? "Ich kann mir gut vorstellen, dass in nächster Zeit jemand, der heute in Teilzeit hier arbeitet, Partner wird", sagt Kahles. Das hieße, es ist möglich. 


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