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Rechtsanwälte

Partner auf Abwegen

Stefani Hergert
Aufsteigen oder Aussteigen – das Selektionsprinzip gilt in den internationalen Großkanzleien seit langem. Weil nicht nur der Nachwuchs andere Ansprüche hat, entwickeln die hochbezahlten Juristen neue Karrierewege. Die Frage ist nur, ob die mit dem Geschäftsmodell und den Forderungen der Mandanten vereinbar sind.
Es gibt da diese Anekdote über einen Juristen, ein Jahrhunderttalent, den seine Kanzlei außerhalb der normalen Laufbahn zum Partner machen möchte. Der Status mit Beteiligung an der Sozietät und ihren Gewinnen – es ist die Krönung einer Karriere in den internationalen Großkanzleien; das Ziel, auf das bisher jede Anwaltsgeneration hingearbeitet hat.

Wer das Angebot bekommt, sollte nicht überlegen.

Genau das aber macht das Jahrhunderttalent. Und stellt Bedingungen: Er will höchstens 80 Prozent arbeiten. Sein Gegenüber glaubt, nicht richtig zu hören. Noch viel weniger, als er den Grund dafür erfährt. Der Nachwuchsstar spielt in einer Band, einer sehr anspruchsvollen zudem. Er brauche, verrät er, die Zeit zum Üben. 

Unkonventionelle Vorstellungen von Karriere

Leo Staub, Anwalt und Professor an der Schweizer Universität St. Gallen, hat die kleine Geschichte erzählt. Für ihn zeigt sie, vor welchen Herausforderungen die Großkanzleien in Deutschland stehen. Wer heute von der Universität kommt und bei den Branchenriesen CMS Hasche Sigle, Linklaters, Freshfields Bruckhaus Deringer, Clifford Chance oder Hengeler Mueller einsteigt, hat immer öfter unkonventionelle Vorstellungen davon, wie er seinen künftigen Job gestalten will.

Deutschlands Großkanzleien haben ein Problem. Die Mischung aus langen Arbeitstagen und kompromissloser Aufstiegsorientierung – manifestiert in dem Leitspruch "Up or Out" also Aufsteigen oder Aussteigen – bringt die Kanzleien personalpolitisch in die Bredouille: Den Großteil ihrer Juristinnen vergraulen nach ein paar Jahren so ziemlich alle Sozietäten, generell schafft es nur noch etwa jeder zwanzigste Einsteiger auf den Partnersessel.

Neues Werben um die Besten

Also ersinnen die Topjuristen neue Karrierewege, propagieren Flexibilität und Teilzeitarbeit selbst auf Partnerebene. Die große Frage ist nur: Passt das alles noch zum Geschäftsmodell? 

Internationale Mandate, namhafte Kunden und in sechs bis sieben Jahren zur Partnerschaft – mit diesen Pfründen haben die Kanzleien bisher um die Besten der Besten geworben. Jene 15 Prozent der Absolventen, die in beiden juristischen Abschlussprüfungen mit Prädikat abschließen und die auch der Staat für seine Richterbänke gerne hätte.

Von den Topjuristen gibt es aber jährlich nur etwa 1000 bis 1500.


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