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Prokrastination, Vereinsamung, fehlende Kreativität
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Entgrenzung von Job und Privatleben

Home Office: Zwischen Chance und Gefahr

Teil 2: Isoliert und einsam

Dies dürfte vor allem Selbstständige betreffen, von denen laut Bitkom mehr als die Hälfte von Zuhause arbeiten. Selbstständige wie Anna Milaknis aus München. Die 27-Jährige ist Design Thinkerin und Ideenmentorin. Sie kennt noch ein ganz anderes Problem der Heimarbeit: Einsamkeit. Milaknis liebt ihr Home Office, doch wie so vielen Menschen fällt auch ihr die viele Freiheit manchmal auf die Füße. "Im Home Office ist man total isoliert", sagt sie. "Niemand bemerkt, ob du gerade ein Meisterwerk geschrieben hast oder tot umgefallen bist. Es fehlt einfach der Kaffeetassen-Talk." Auch Prokrastination, das ständige Aufschieben von unangenehmen Aufgaben, sei ein großes Problem.

Um diesem Elend ein Ende zu machen, entwickelte die Wahlmüncherin die "Froglist", eine Methode, die ihr half, Aufgaben zu priorisieren, ihren Alltag zu systematisieren und so ihre Produktivität zu steigern. Der Clou: Ein Work Buddy, der durch drei Anrufe täglich die fehlenden Arbeitskollegen simuliert.

Motivation vom Work Buddy

Erst nutzte Milaknis die "Froglist" für andere Jobs, telefonierte mit ihrer Schwester, machte mit ihr so eine Art Hausaufgabenkontrolle. Heute ist die Froglist ihr Job, es gibt eine eigene Homepage und ein kostenloses Booklet. Wer einen Work Buddy haben will, meldet sich bei Milaknis und durchläuft das kostenpflichtige Matching. "Natürlich kann man sich das Geld sparen und Freunde als Arbeitspartner engagieren," erklärt die Ideenmentorin. "Aber mit denen kommt man immer wieder vom Thema ab und bei Ausreden drücken sie ein Auge zu."

Andrea Mühleck ist so ein Work Buddy. 16 Monate pendelte die Anwältin zwischen ihrem Zuhause in Frankfurt, ihrem Arbeitsort Bonn und München, dem Lebensort ihres Ehemannes. Dann machte sie Schluss mit der Zeitverschwendung und entschied sich für die Selbstständigkeit – und für das permanente Home Office. Das funktioniert mal mehr, mal weniger gut. "Mir fehlt der Austausch mit Kollegen, der Teamspirit. Allein verbeiße ich mich leichter und bleibe auch mal stecken."

Prokrastination, Vereinsamung, fehlende Kreativität - im Internet finden sich reihenweise Angebote, wie man das Home Office in den Griff kriegen kann. In so genannten Co-Working- oder Mastermind-Gruppen suchen sich Heimarbeiter im Internet und treffen sich beieinander oder im Café, um zusammen zu arbeiten. In Coworking Spaces können sich Heimarbeiter stunden-, tage- oder monatsweise einmieten. Es gibt sogar Dienstleister, die für tägliche Kontrollanrufe bezahlt werden.

Wichtig: Grenzen setzen

Auch Andrea Mühleck wird jetzt täglich von Ihrem Work Buddy, einer Beraterin und Trainerin für Customer Experience, angerufen und kontrolliert – und sie mag es. "Die Froglist simuliert für mich dank meines Work Buddys ein Stück Büroalltag und ermöglicht mir den Austausch und den Blick über den Tellerrand", erklärt die 39-Jährige. Drei Mal täglich telefoniert sie mit der ihr vorher völlig unbekannten Arbeitspartnerin Erika Burkhardt. "Ich war am Anfang skeptisch, ob ich der Typ für so ein 'Kontrollsystem' und so viel Verbindlichkeit bin. Jetzt bin ich froh, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin."

Wem Froglists oder Coworking Spaces zu verrückt sind, dem empfiehlt die Forschung vor allem eins: Es nicht übertreiben, Grenzen setzen. "Unsere Befragungen zeigen, dass ein oder zwei Tage alle zwei Wochen oder jede Woche sehr üblich und effektiv sind", erklärt der Schweizer Psychologe Weichbrodt. "Alles darüber aber ist zu viel." Für Selbstständige gilt: Genügend Erholungsphasen einbauen und auf eine starke Trennung zwischen Arbeit und Freizeit achten, zum Beispiel durch einen abgetrennten Arbeitsbereich.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 17.05.2017