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Prokrastination, Vereinsamung, fehlende Kreativität
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Entgrenzung von Job und Privatleben

Home Office: Zwischen Chance und Gefahr

Louisa Lagé, wiwo.de
Über ein Drittel der Arbeitnehmer wünschen sich das Arbeiten im Home Office. Doch viele Arbeitgeber zeigen sich skeptisch. Zu groß ist das Misstrauen, die Angst vor Ineffektivität oder Prokrastination. Wie die Heimarbeit am besten funktioniert.
Als Eva Voß das Angebot von Ernst &Young (EY) bekommt, lebt sie in Gütersloh. Die neue Stelle klingt spannend, Voß ist interessiert. Die Sache hat nur einen Haken: Sie kann auf keinen Fall in Gütersloh bleiben, muss zu einer der 22 deutschen EY-Niederlassungen ziehen. Voß und ihr Mann entscheiden sich für Frankfurt – die Stadt gefiel ihnen schon immer gut. Dass ein Großteil ihres neuen Teams in Hamburg arbeiten wird, spielt keine Rolle. Voß arbeitet viel im Home Office. "Für viele Bürotätigkeiten muss man nicht physisch anwesend sein", so die Managerin und Leiterin des Bereichs New Ways of Working bei EY.

Arbeiten im Home Office gewinnt weltweit an Beliebtheit. Die Japaner probieren es aus, um ihr Verkehrssystem im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio zu entlasten. In Skandinavien, Luxemburg und der Schweiz arbeitet mehr als jeder fünfte Arbeitnehmer von Zuhause aus. Und auch in Deutschland zeigt der Home-Office-Trend nach oben. Zwar arbeiten derzeit nur circa neun Prozent der deutschen Beschäftigten im Home Office. Eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt jedoch, dass sich 35 Prozent aller Arbeitnehmer mehr Flexibilität im Job und die Möglichkeit der Heimarbeit wünschen.

Freiheit und Flexibilität sind die großen Schlagworte

Die Vorteile der Heimarbeit liegen klar auf der Hand: Arbeitnehmer sparen sich anstrengende Tage im Großraumbüro und die lästigen Arbeitswege. Durch die selbstbestimmte Zeiteinteilung können sie Job und Privatleben besser aufeinander abstimmen. "Unsere Studien haben gezeigt, dass das Motiv der Autonomie am stärksten ausgeprägt ist", erklärt Johann Weichbrodt von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Der Psychologe erforscht mobil-flexible Arbeit und die damit verbundenen organisationspsychlogischen Abläufe. "Die Freiheit, selber darüber zu entscheiden, wann und wo man arbeitet, wann man Pausen macht, Aufgaben ungestört erledigen zu können – das wird von Home-Office-Nutzenden am meisten geschätzt."

Freiheit und Flexibilität, genau das brauchte Eva Voß, als sie vor ein paar Monaten einen Anruf erhielt: Ihre 89-jährige Großmutter musste akut versorgt werden. Sofort setzte sich Voß in den Zug nach Rostock. Mit dabei: ihr Laptop. Die nächsten zwei Wochen kümmerte sie sich vormittags um ihre Oma und nachmittags um die Arbeit. "Ich bin von heute auf gleich aus Frankfurt angereist und war froh, dass sich das mit meiner Arbeit so gut vereinbaren ließ."

Überstunden wegen technischen Problemen

Nur 30 Prozent der deutschen Arbeitgeber bieten ihren Mitarbeitern das Home Office an. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung könnten es mehr als 40 Prozent sein. "Home Office hängt ganz stark mit dem Vertrauensthema zusammen", bestätigt auch Voß von EY. "Viele Unternehmen haben Sorge, dass die Produktivität leidet."

Dass Home-Office-Pioniere wie IBM nun die Rolle rückwärts machen und ihre Leute zurück in die Büros holen, verstärkt das Misstrauen zusätzlich. Laut einer Bitkom-Studie glaubt fast die Hälfte der deutschen Unternehmen ohne Home Office, dass das Arbeiten von Zuhause die Produktivität senke. Dabei ist die das geringste Problem der Heimarbeiter. Wie Wissenschaftler der Stanford University herausfanden, sind sie sogar um neun Prozent kreativer, als ihre Kollegen im Büro.

Wer von zuhause arbeitet, kämpft an ganz anderen Fronten: So machen Home Office Nutzer wegen Kommunikationsproblemen und technischen Störungen mehr Überstunden. Oftmals leiden sie unter der Entgrenzung von Privatleben und Arbeit. "Der Arbeitnehmer muss für sich neue Grenzen definieren: Wann fange ich an? Wann höre ich auf? Mache ich abends noch etwas?", erklärt Psychologe Weichbrodt. "Wer dies nicht ausreichend macht, läuft Gefahr übermäßig viel zu arbeiten." Das Resultat zeigt eine neue Studie der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen: Ihr zufolge klagen 42 Prozent der Heimarbeiter über Stress und Schlafstörungen.