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Mit Floskeln im Job weiterkommen
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Verständigung

Floskeln – die Geheimsprache der Macher

Interview: Wenke Wensing, wiwo.de
Die Sprache in Unternehmen kommt selten ohne "Synergieeffekte" oder "Outsourcing" aus. Warum das so ist und welche Funktionen Floskeln erfüllen, erklärt Sprachwissenschaftler Hermann Ehmann.
Wieso benutzen wir Floskeln im Berufsalltag?

Der häufigste Grund ist, Dinge zu verschleiern. Steht im Bewerbungszeugnis "Herr Müller hat ein hohes Einfühlungsvermögen gezeigt", meint der Chef, dass Herr Müller die Kolleginnen angebaggert hat. Er muss zur Verschlüsselungsfloskel greifen, weil Zeugnisse wohlwollend formuliert sein müssen. Ein weiterer Grund ist, dass Menschen sich wichtig machen wollen. Spricht der Chef vom Sitzungsmarathon, werden aus dem zweistündigen Meeting schnell 42 Kilometer Leistungssport.

Hat jede Karrierestufe ihre eigenen Floskeln?

Je weiter man aufsteigt, desto mehr Floskeln kommen hinzu. Ist ein Mitarbeiter im oberen Management angekommen, muss er häufig Floskeln benutzen, die die Wahrheit verschleiern sollen. Möchte der Vorgesetzte beispielsweise "Synergieeffekte nutzen", will er die Mitarbeiter beruhigen. Seine Kollegen wissen jedoch: Der Herr will Abteilungen einsparen.

Eine Geheimsprache?

Genau, diese Floskeln sind ein Soziolekt, den nur die eigene Schicht versteht. Normale Sprache kann ja auch geschäftsschädigend wirken. Ein Manager sagt dann besser "Am Ende des Tages haben wir alles im Griff" und nicht "Jetzt gerade läuft es nicht so rund". Um das zu verstehen, müssen Zuhörer auf das achten, was zwischen den Zeilen steht.

Müssen Arbeitnehmer die Sprach-Show mitspielen, um aufzusteigen?

Floskeln sind ein Karriere-Pusher. Ab einem gewissen Management-Level kommt man also kaum noch darum herum – sonst droht der Abstieg. Doch Mitarbeiter sollten erst dann wie die Führungskräfte sprechen, wenn sie eine ähnliche Position haben. Spricht der Trainee wie der Chef, macht er sich lächerlich. Bei der Jugendsprache soll ja auch kein 50-Jähriger sagen "voll krass".

Noch peinlicher wäre es wohl, wenn jemand die Floskeln falsch verwendet.

Dafür gibt es Kommunikationsseminare. Die sind nichts anderes als Umerziehungscamps, in denen Mitarbeiter den Karriereslang erlernen. Sie erfahren, dass es nicht kündigen, sondern freistellen heißt. Das klingt weniger drastisch und soll das Unternehmen gut dastehen lassen. Wenn dann auch noch Begriffe vermittelt werden, die es gar nicht gibt wie beispielsweise "feedbacken", wird die Sprache vergewaltigt.

Kann man sich dem Business-Denglisch entziehen?

Das wird schwierig. Menschen benutzen Floskeln schließlich häufig, um sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Tanzt einer aus der Reihe, kann er schnell zum Außenseiter werden. Besonders, wenn der Klartext spricht, wo andere Verschleierungen für die bessere Wahl halten.

Leidet das private Umfeld unter der Sprache des frischgebackenen Managers?

Spricht der Partner zu Hause auch von feedbacken, committen oder dem wording, kann das schnell komisch wirken. Man sollte versuchen, die Sprache zusammen mit der Aktentasche nach der Arbeit abzulegen.

Wieso klingen englische Begriffe besonders klug?

Gerade das Englische gilt als besonders hip und fortschrittlich. Aber auch die sogenannten toten Sprachen wie Latein erleben ein Revival, weil das die Sprache der Eliten ist. Klassische lateinische Begriffe sind Transformationsprozess, suboptimal aber auch das Wort Management.

Management ist doch englisch?


Es stammt aus dem Lateinischen. Manus heißt Hand und ago heißt "ich tue, handele". Der Manager ist also einer, der mit anpacken sollte. Das sollten sich diejenigen, die nur leere Reden schwingen, einmal vergegenwärtigen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 07.09.2018