Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Zukunft der Betriebs- und Volkswirtschaft
Foto: ra2 studio/Fotolia.com
Zukunft der Volks- und Betriebswirtschaft

Ökonomie neu denken

von Bert Losse und Katharina Matheis, wiwo.de
Der Präsident des Bundesverbands Deutscher Volks-und Betriebswirte, Peter Herrmann, rügt das Bachelor-Studium für Ökonomen – und beschreibt, was er als Unternehmer von seinen Bewerbern erwartet.
Herr Herrmann, die Zahl der Volkswirtschaftsstudenten in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren gesunken. Wird die VWL zur Nischenwissenschaft?

Der Begriff Nische gefällt mir nicht. Richtig ist aber, dass die Entscheidung für ein VWL-Studium die Berufswahl verengt – und das ist womöglich den Studenten bewusster als früher. Mit der VWL ist es ein bisschen so wie mit Geschichte oder Germanistik – tolle Fächer, die Freude machen, aber nicht unbedingt als natürliches Sprungbrett taugen. Die Studienentscheidung fällt immer häufiger mit Blick auf die berufliche Perspektive und das Portemonnaie. Und wer primär nach Karrieregesichtspunkten studiert, was ich weder lobe noch verdamme, ist bei der Betriebswirtschaftslehre besser aufgehoben. Das muss man klar sagen.

Während der Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Image der Ökonomenzunft arg gelitten. Schreckt auch das junge Menschen vom VWL-Studium ab?

Das kann man nicht völlig ausschließen. Wobei die Attacken auf die Ökonomen zum Teil unverhältnismäßig und politisch gesteuert waren – und sind. Ich erinnere mich zum Beispiel an Heiner Geißler, der gesagt hat, die Ökonomie sei die armseligste Wissenschaft überhaupt. Solch billige Polemik trägt nicht zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit den Fehlern und Verdiensten der Wirtschaftswissenschaften bei. Mittlerweile hat sich das Bild wieder gewandelt. Die Ökonomen sind nicht mehr der Watschenmann für jedermann. Und das ist auch gut so.

Wo sehen Sie die deutschen Wirtschaftswissenschaften im internationalen Vergleich?

Wir haben nicht den gleichen Ruf wie etwa die Ingenieurwissenschaften. Das ist schade. Der Erfolg der deutschen Wirtschaft hängt nicht nur davon ab, dass wir tolle Techniker haben, die tolle Autos bauen. Sondern auch davon, dass es hervorragende und innovative Ökonomen gibt, die nicht zuletzt der Politik auf die Finger schauen. Die deutschen Hochschulen haben vielfach aber auch schlicht ein Marketingproblem.

Was meinen Sie damit?

Angelsächsische Hochschulen sind uns in Didaktik und Selbstvermarktung überlegen. Wir werden in der Ökonomie international unzureichend wahrgenommen, obwohl auch wir viele exzellente Wissenschaftler haben. Bei ausländischen Ökonomiestudenten ist Deutschland auch deswegen nicht die erste Wahl, die gehen lieber nach Großbritannien oder in die USA.

Und was ist mit den Inhalten?

Kritiker monieren eine anhaltende Dominanz von neoklassischen Methoden und eine Überbetonung der Mathematik in den VWL-Lehrplänen. Da bin ich gespalten. Natürlich hat die Frage der Realitätsnähe und praktischen Umsetzbarkeit ökonomischer Forschung enorm an Bedeutung gewonnen. Das muss sich in Forschung und Lehre widerspiegeln. Gerade die zentrale Frage, wie sich die Nationalökonomie vor dem Hintergrund von Globalisierung und Digitalisierung verändert, lässt sich nicht wie eine Rechenaufgabe beantworten. Anderseits ist es für Ökonomen extrem wichtig, das theoretische Rüstzeug zu besitzen. Man muss mit dem wissenschaftlichen Instrumentarium umgehen können. Und das ist nun mal anspruchsvoll, das kann man nicht schnell im Internet nachlesen.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick