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Selbstmarketing im Job

Nur keine falsche Bescheidenheit

Teil 2: Zu viel Perfektionismus schadet

Laut Young können die Ursachen für das Hochstapler-Syndrom schon in der Kindheit liegen: "Das Syndrom kann durch falsche Botschaften in der Erziehung ausgelöst werden, die zu einem unerschöpflichen Perfektionismus führen. Zum Beispiel, wenn die Eltern einem Kind ständig sagen, dass es sehr klug ist."

Das führe dazu, dass die eigenen Leistungen dem Kind nie wirklich genügen. Es habe das Gefühl, es müsste mehr erreichen.

Frauen sind häufiger betroffen

Bei Millennials beobachtet Young das Phänomen häufiger als bei früheren Generationen. Ihrer Ansicht nach geht das damit einher, dass den jungen Menschen zu häufig vermittelt werde, sie seien etwas ganz Besonderes. Leistungs- und sozialer Druck im Studium können den Perfektionismus und die sich daraus ergebenden Gefühle der Unzulänglichkeit verstärken.

Frauen sind laut Young anfälliger für das Hochstapler-Syndrom, weil bei ihnen Fehler und Kritik von Klein auf stärker im Fokus stünden, als ihre Erfolge. Zudem deuteten unterschiedliche Studien darauf hin, dass Frauen ihre Kompetenz oft unterschätzten.

Auch der ständige Vergleich mit anderen kann die Selbstzweifel verstärken. Entsprechend ist die Dichte an Betroffenen in kreativen Branchen oder Geschäftsbereichen, in denen regelmäßige Innovation erwartet werden, höher, wie Young sagt. Als ein Beispiel nennt sie den Technologie-Sektor.

Die eigene Fehlbarkeit akzeptieren

Wie bei allem beginnt der Weg aus der Tiefstapelfalle mit Selbsterkenntnis. Wer erste Anzeichen des Hochstapler-Syndroms bei sich erkennt, sollte diese erst einmal annehmen und akzeptieren. Des Weiteren sei es wichtig, die eigene Fehlbarkeit anzuerkennen: Fehler gehören zum Lernprozess und sind ein konstruktives Mittel, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Außerdem sei es wichtig, bestimmte mentale Kreisläufe zu durchbrechen: Sich selbst ständig zu sagen, man könne es nicht und würde zwangsläufig scheitern, führt naturgemäß zu höherem Druck und geringem Selbstbewusstsein. "Wer aufhören will, sich wie ein Hochstapler zu fühlen, muss aufhören, wie ein Hochstapler zu denken", sagt Valerie Young.

Da kann es helfen, sich die eigenen Erfolge vor Augen zu führen. Denn nach externen Maßstäben lässt sich die eigene Leistung ganz einfach bestätigen. Der Fokus auf den eigenen Erfolg hilft, Leistungen unabhängig von anderen zu bemessen.

Wenn die Symptome so stark ausgeprägt sind, dass sie zu unkontrollierbarer Nervosität und Unsicherheit führen, und sogar Panikattacken hervorrufen, ist es Zeit für einen Therapeuten. Besonders, wenn die übertriebene Selbstkritik aus einer Kindheitsprägung hervorgeht, kommen Betroffene alleine kaum davon los. Das wäre verschenktes Potenzial.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 17.11.2017

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