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Gastarbeiter

Nicht immer willkommen

Marion Meyer-Radtke / Zeit.de
Ausländische Fachkräfte werden wichtig. Wie erleben Ausländer den deutschen Arbeitsmarkt? Ein Chinese und eine türkische Gastarbeiterin erzählen.
Gastarbeiter sind nicht immer willkommenFoto: © Robert Wilson - Fotolia.com
Am liebsten hätte Herr Wang ja in Deutschland gearbeitet. Und es nun ist wirklich nicht so, dass die deutsche Industrie seine Fähigkeiten nicht wunderbar gebrauchen könnte: Wang Wei (Name geändert) ist 31 Jahre alt und Wirtschaftsingenieur. Studiert hat er in Hamburg, Deutsch spricht er fließend, Briefe schreibt er fehlerlos. Vier Jahre Arbeitserfahrung in einer kleineren Herstellerfirma liegen hinter ihm. Nebenher hat er promoviert.Dann suchte er eine Vollzeitstelle. 30 Bewerbungen hat er losgeschickt, zehn Gespräche geführt. Genommen hat ihn niemand. "Überqualifiziert", sagten die einen. "Die Fachrichtung stimmt nicht so hundertprozentig", fanden die anderen. Eine Beratungsgesellschaft hätte ihn sofort eingestellt, konnte das aber nicht bei den Kunden durchsetzen: Ob er sich nicht einbürgern lassen könne, fragten sie ihn. Als Chinese werde er in der deutschen Industrie niemals Arbeit finden.

Die besten Jobs von allen

Fachkräfte gesuchtWang Wei versteht diese Haltung nicht. Immerhin waren im August 39.000 Ingenieursstellen nicht zu besetzen, wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) ermittelt hat. So groß war zu diesem Zeitpunkt die Differenz zwischen offenen Stellen und arbeitslos gemeldeten Ingenieuren. Auch sonst werden Fachkräfte gesucht: Ärzte fehlen und IT-Spezialisten, aber auch Lehrer, Erzieher und Altenpfleger. Die demografische Entwicklung wird die Lücke noch vergrößern: Allein in den MINT-Berufen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik werden in zehn Jahren mehr als 200.000 Akademiker fehlen, prognostiziert das Institut für deutsche Wirtschaft in Köln. Fast ist die Lage wie in den fünfziger und sechziger Jahren. In den Zeiten des Wirtschaftswunders konnten sich Arbeitnehmer ihre Stelle aussuchen – für einfache Tätigkeiten wurden über Anwerbeabkommen mit acht Ländern sogenannte Gastarbeiter ins Land geholt. Italien machte 1955 den Anfang, danach folgten Spanien, Griechenland und die Türkei. Wegen der Ölkrise erließ Bonn 1973 einen Anwerbestopp. Bis 1970 kamen eine Million Gastarbeiter in die Bundesrepublik. Dringend benötigt wurden sie, aber wirklich erwünscht waren sie in weiten Teilen der Bevölkerung nicht. Eine von ihnen ist die heute 65 Jahre alte Mahmure Akdag – damals eine junge Frau aus der türkischen Provinz, die nie zur Schule gegangen war, aber leidenschaftlich gerne gelesen hat. "Liebesromane, heimlich!", sagt sie. Das Lesen war ihre Eintrittskarte in die Freiheit der westlichen Welt. Zu Hause gab es Probleme, Geld war auch nicht genug da. Als eine Nachbarin von den großen Möglichkeiten in Deutschland erzählte, bewarb sich die damals 23-Jährige. "In der Auswahlstelle in Istanbul wurden wir auf Herz, Nieren und bis hin zu den Zähnen geprüft. Und lesen können musste ich", erinnert sie sich.Ohne KrankenversicherungDrei Tage und zwei Nächte dauerte die Zugfahrt nach München, von da aus ging es weiter nach Berlin zur Arbeitsstelle im Kabelwerk von Siemens. Am 21. November 1969 hatte Mahmure Akdag ihren ersten Arbeitstag. Der letzte folgte schon bald. Durch Heimweh und die ungewohnte Winterkälte wurde Akdag krank. Dass man eine Krankenversicherung braucht und dann zum Arzt gehen kann, wusste sie nicht. Deutsch konnte sie sowieso nicht. "Wir hatten ja von nichts eine Ahnung", sagt sie heute. Wer half, war die türkische Gemeinschaft, die sich im Berliner Exil damals schon herausbildete. Wer eine Wohnung brauchte oder eine neue Arbeitsstelle, fragte am besten die anderen Einwanderer. Als Akdag heiratete und mit ihrem zweiten Kind schwanger wurde, fuhr sie eine türkische Kollegin für die Entbindung mit dem Auto nach Istanbul. "Was Mutterschutz ist, wusste ich damals nicht", sagt die Rentnerin heute kopfschüttelnd.

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