Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Ortswechsel

New York entdeckt sein grünes Herz

Bernd Kupilas
Im Ortswechsel berichten Handelsblatt-Autoren aus aller Welt. US-Korrespondent Bernd Kupilas hat sich in New York umgesehen und festgestellt: Die Einwohner der Metropole entdecken das Thema Umwelt für sich - und stehen für „Öko“ auch Schlange.
Die Skyline von New York mit Brooklyn BridgeFoto: © kuosumo - Fotolia.com
"Ach ja“, sagt Joan von der Appartment-Vermittlung und deutet auf den Doppel-Mülleimer in der Küche, „die Hausgemeinschaft hier macht diese, ähm, Mülltrennung." Joan, die mir die möblierte Wohnung für einen Sommer in Manhattan vermietet, macht es kurz: „Wie das geht, steht auf dem Zettel.“ Keine Sorge, Joan, ich komme aus dem Land, das Vorgärten mit gelben Tonnen pflastert. Ich kriege das hin.Willkommen in New York, der amerikanischen Metropole, die ihr grünes Herz entdeckt. Umwelt ist ein Thema geworden im Big Apple, und Bürgermeister Michael Bloomberg hat sich an die Spitze der Bewegung gesetzt. Er lässt die Busflotte auf emissionsarme Hybrid-Motoren umstellen, 15 Prozent der Taxis sind es schon. Der Times Square ist inzwischen Fußgänger-Zone und es gibt die Pflanz-Aktion „Eine Million Bäume für New York“. 

Die besten Jobs von allen

In der 5th Avenue in Brooklyn klebt in großen Buchstaben auf dem Fenster einer Eisdiele „Öko“. Beworben wird gefrorener Joghurt. Wird „Öko“ das nächste populäre deutsche Lehnwort in Amerika, nach „Kindergarten“, "Schadenfreude" und „Angst“?
Vor allem aber ist der grüne Boom ein einträgliches Geschäft. Am Union Square zum Beispiel steht eine Filiale der Supermarktkette Whole Foods, einer Mischung aus Riesen-Bioladen und Erlebniseinkaufsparadies.
Ananas und Mangos stapeln sich zwei Meter hoch, es dominieren die Farben Grün und Braun, die Ware präsentiert sich auf Holzregalen. Die Lebensmittel werden angepriesen als „organic“ oder „home-grown“, also als „biologisch angebaut“ oder „aus eigener Herstellung“. Whole Foods ist erfolgreich, die Kette verzeichnet seit Jahren ein zweistelliges Wachstum. Und der Laden ist teuer. Eine Packung Vollkornkekse kostet sechs Dollar, eine Flasche Mineralwasser mindestens drei Dollar.22 Dollar für ein Stück Bio-KäseDie New Yorker stürmen dennoch jeden Abend Whole Foods und verpassen sich eine Art DDR-Erlebnis: 35 Kassen, aber die Schlange zieht sich durch den kompletten Laden, ein Angestellter zeigt mit einem roten Schild das Ende an. Das hält auch mich nicht ab, ich stehe an der Käsetheke vor einer Riesenauswahl. Ich will „home-grown“ und entscheide mich für einen Rohmilchkäse aus Poughkeepsie, New York: „Ja, schneiden Sie ruhig ein ordentliches Stück ab.“ „Macht 22 Dollar“, antwortet die Verkäuferin. Das ist der Moment, in dem mir klar wird: Der Spesenvorschuss wird nicht reichen. Ich muss unbedingt mit meinem Chef reden.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.07.2010

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick