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Neuer Blickwinkel im Job
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Unangepasste Topmanager

Neue Blickwinkel und der Wert von Misserfolgen

Interview: Matthias Lambrecht, Katrin Terpitz
Einzigartigkeit ist in deutschen Topetagen nicht gewünscht. Gefönte Kens und Barbies haben als Führungsnachwuchs die besten Chancen. Doch allzu angepasste Manager schaden der Innovationsfähigkeit von Unternehmen, warnt INQA-Botschafter Thomas Sattelberger.
Thomas Sattelberger war schon als Personalchef bei der Lufthansa, Continental und der Deutschen Telekom ein unangepasster Querdenker. Im Telekom-Vorstand boxte er die Frauenquote durch.

Nun avanciert der Weltverbesserer im Unruhestand mit 64 Jahren zum Leinwandstar. Sattelberger ist einer der sieben Protagonisten des Films "Alphabet", der seit dem 13. Oktober in den Kinos läuft.

Die Dokumentation von Erwin Wagenhofer setzt sich kritisch mit der globalen Bildungselite auseinander.

Herr Sattelberger, hätte ein Studienabbrecher wie Telekom-Chef René Obermann heute Chancen, bei einem begehrten Arbeitgeber unterzukommen?

Ich bin sogar doppelter Studienabbrecher, in Soziologie und dann im Studium für das Lehramt. Danach habe ich ein duales "Schmalspurstudium" als Betriebswirt absolviert. Heute aber sortieren viele der Firmen Studienabbrecher automatisch aus. Personaler bewerten Brüche im Lebenslauf oft als problematisch. Wir haben eine außerordentlich stereotype Selektionskultur. Und trotz Fachkräftemangels beginnen erst wenige Arbeitgeber umzudenken.

Was geht Unternehmen verloren, wenn sie unkonventionellen Bewerbern keine Chance geben?

Die Welt aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, Erfahrungen aus Scheitern oder Kindererziehung – all das kann für Unternehmen sehr wertvoll sein. Ich bin betroffen, dass gerade einmal sechs Prozent befragter deutscher Personalchefs Vielfalt für ein Top-Thema ihrer Arbeit halten. Das deutsche Management ist viel zu homogen. In England steht Geisteswissenschaftlern eine Karriere als Banker oder Manager offen. Warum nicht auch in Deutschland? Stattdessen stellt Schmidt weiter Schmidtchen ein.

Warum hilft Vielfalt, bessere Unternehmensergebnisse zu erzielen?

Weil ähnlich sozialisierte Manager immer dieselben ausgetrampelten Pfade nehmen. Doch in vielen Branchen von Energie bis Automobil brechen gerade traditionelle Geschäftsmodelle weg. Für echte Innovationen brauchen Unternehmen Querdenker, die sich auf neue, abseitige Wege wagen.

Finden sich die denn überhaupt unter den Bewerbern, wenn bereits Teenager ihre Lebensläufe mit Praktika und Auslandsstationen optimieren?

Das ist ein Teufelskreis. Der Film "Alphabet" beschreibt diesen Irrsinn: Überehrgeizige Eltern, die alles tun, damit ihre Kinder im richtigen Stadtteil auf private Schulen kommen, und ihnen dann eine elitäre Business-School finanzieren. Dort werden die jungen Leute abgerichtet, genauso wie später in den Beratungshäusern. Sie opfern ihre Einzigartigkeit für Geld und Karriere.


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