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Mein schlimmster Job

Nach Schwindelei nicht schwindelfrei

Mariam Schaghaghi
Auf einem Schiffskran, 15 Meter über dem Boden, vergingen Otto Waalkes die Witze. Ein erschmuggelter Nebenjob bescherte ihm die längste Nacht seines Lebens. Er war einfach nicht "kopffest".
Ottos jobbte eine Nacht als Anstreicher auf einem KranFoto: © Bente Schipp
Mein schlimmster Job? Das war nach dem Abi. Ich habe als Anstreicher bei den Nordsee-Werken in Emden gearbeitet. Die Werke stellen keine Nordsee her, sondern Schiffskräne. Das sind turmhohe Konstruktionen, die Frachter entladen. Diese Kräne mussten angestrichen werden. Klingt so uninteressant, wie es ist aber es gab 100 Mark die Woche! Das war ein Vermögen damals. So viel Kohle hatte ich noch nie zu sehen gekriegt. Und ich wollte mir so gern eine Gitarre kaufen, die ich mir schon so lang gewünscht hatte.Schwindelfrei

Die besten Jobs von allen

Es gab nur ein Problem: Mein Vater war Malermeister - ich nicht. Aber ich hatte einen guten Freund: Albert. Und der hat mich dort eingeschmuggelt und behauptet, ich sei gelernter Anstreicher, ein Profi. Und ,kopffest' sei ich auch! Was so viel heißt wie: selbst in großen Höhen vollkommen schwindelfrei zu sein. Nur solche Leute durften diesen Job machen, in der Höhe! Dabei war die Sache ein einziger Schwindel. Trotzdem wurde ich angeheuert, für die Nachtschicht: sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens - und das im Winter. Bei sechs Grad unter null. Ich fing also an, am Kran loszupinseln, und dachte nach sechs Minuten: ,Das kann es doch nicht sein ...! Das kann doch nicht mein Leben sein ...!'Dauernd kam der Vorarbeiter und kontrollierte die bemalten Streben. Sogar von unten, mit einem Spiegel! Ich dachte, ich werde verrückt. Dabei hatte ich die Endhärte noch vor mir. Ich sollte auf den Kran freihändig ,Rheinstahl Nordsee' pinseln. Er fragte noch: ,Sind Sie wirklich kopffest?' - ,Ja klar bin ich kopffest', piepste ich mit meiner männlichsten Stimme zurück. Und kletterte los. Alle fünf Meter musste ich mich mit einem Haken neu sichern. Fünf Meter ..., zehn Meter ..., 15 Meter. Dort guckte ich runter. ,Aaaaahhhhhh!'.Kunst studiertNein, ich fiel nicht - das tat nur mein Eimer mit der Vorstreichfarbe. Er knallte voll auf den Beton. Es gab einen riesigen Fleck, rot-braun wie getrocknetes Blut. Und als ich wieder unten war, musste ich kleinlaut bekennen: ,Ich bin doch nicht ganz kopffest.' So gegen drei Uhr morgens kam ich nach Hause. Dort sagte mein Vater: ,Lass dir das eine Lehre sein: Mein Junge, etwas Schöneres als den Tod kann es immer geben. Hauptsache, du bleibst der Malerei treu!' Hab ich gemacht - und Kunst studiert, an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Meine Karriere als Krananstreicher hat nur eine Nacht gedauert. Aber das war die längste meines Lebens. Seitdem mach ich lieber Musik und erzähl Witze! Das hier war übrigens keiner.Noch mehr schlimme Jobs?Nico Hofmann ist knietief im DispoMichael Ballhaus hat schlechte Erinnerungen an "Wild, Wild West"Tim Mälzer kocht in Teufels Küche
Dieser Artikel ist erschienen am 01.07.2009

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