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Vereinbarkeit von Beruf und Familie
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Mutterkult

Mütter, entspannt euch!

Interview: Tina Groll, zeit.de
Mütter reiben sich hierzulande zwischen Familie und Beruf auf. In Frankreich sind die Frauen entspannter, weil sie unperfekt sein dürfen, sagt die Autorin Annika Joeres.
Frau Joeres, Sie sagen, wenn Sie nicht nach Frankreich ausgewandert wären, hätten Sie in Deutschland keine zwei Kinder bekommen. Warum?

Weil in Deutschland der Druck für Mütter so groß ist. In Deutschland wird oft noch erwartet, dass sich Frauen für ihre Kinder aufgeben. In Frankreich sind die Familien entspannter. Hier ist Kindererziehung auch Sache des Staates.

Wer als Mutter berufstätig ist, hat doch auch in Deutschland noch ein anderes Leben neben der Familie.

Aber die meisten Frauen reiben sich zwischen Beruf und Familie auf. Nur die wenigsten kommen noch dazu, ihre Hobbys und Freundschaften zu pflegen. Das Betreuungssystem ist nicht flächendeckend ausgebaut, die Kitaöffnungszeiten entsprechen häufig nicht den Arbeitszeiten, die Eltern abdecken müssen. Meist müssen Mütter eine Odyssee hinter sich bringen, um einen Betreuungsplatz zu finden. Sie erfahren erst im letzten Moment, ob es klappt – damit sind sie für den Arbeitgeber nicht verlässlich planbar. Viele erleben im Job ein Downgrading nach der Elternzeit, andere bekommen keine interessanten Projekte mehr, wenn sie Teilzeit arbeiten. Frauen sind auf halben Stellen dann finanziell stark abhängig von ihrem Partner. Und dazu kommt noch der Anspruch, dass eine Mutter letztlich 24 Stunden am Tag um ihre Kinder kreisen muss.

Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wieso französische Eltern gelassener durchs Leben gehen können und sagen, dass Deutschland von seinem Nachbarland lernen kann?

Zum einen gibt es die 35-Stunden-Woche. Das sind fünf Stunden weniger als in Deutschland. Und Zeit ist für Familien eine kostbare Währung. Zum anderen hat Frankreich eine flächendeckende Kinderbetreuung. Plätze für unter Dreijährige gibt es bis auf wenige Regionen einfach und ausreichend, entweder in einer Kita oder bei einer Tagesmutter, die dafür anständig bezahlt wird. Und nur einkommensstarke Familien müssen geringfügig für die Betreuung der unter Dreijährigen zuzahlen. Ab drei Jahren gehen die Kinder in den kostenlosen Kindergarten, später besuchen sie die Ganztagsschule. In der Regel sind die Kinder von 7.30 Uhr bis 19 Uhr betreut. Und sie sind gut betreut. Denn in den Kitas arbeiten studierte Erzieherinnen, die wie Lehrer bezahlt werden. Dazu gibt es immer eine Kinderkrankenschwester. Die Franzosen vertrauen auf dieses System. Es gibt keine Debatten darüber, dass es für Kinder schädlich wäre, nicht von der eigenen Mutter betreut zu werden. Das alles führt dazu, dass die meisten Französinnen etwa ein halbes Jahr nach der Entbindung wieder im Job sind.

Aber es gibt kein Elterngeldjahr.

Das stimmt, darum beneiden uns die Franzosen. Aber sie staunen darüber, dass Deutschland bei der Kinderbetreuung so rückschrittlich ist, dass viele Kitas am frühen Nachmittag schließen. Oder dass die Deutschen überhaupt so skeptisch darüber sind, wenn der Staat die Kindererziehung mitübernimmt. Die französischen Eltern haben alle selbst Kitas besucht oder waren bei einer Tagesmutter. Und es hat ihnen nicht geschadet.

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