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Burnout

"Moderne Form der Ausbeutung richtet großen Schaden an"

Interview: Claudia Obmann
Arbeitgeber sollten nicht tatenlos zusehen, wie ihre Leistungsträger auf den Burnout zusteuern. Dazu rät Wolfgang Senf, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie.
Burnout ist längst eine verbreitete Krankheit in unserer heutigen Gesellschaft.Fotolia.com
Wie erkennt man einen drohenden Burnout?
Wolfgang Senf: Der Burnout scheint über Nacht zu kommen. Diese Erkrankung ist aber der Schlusspunkt einer langen Entwicklung. Erste Anzeichen sind Schlafstörungen und Unlustgefühle. Betroffene sind chronisch erschöpft, können sich nicht mehr erholen und wirken ständig nervös und angespannt. Ihre Gedanken kreisen nur noch um den Job, aber ihre Leistungsfähigkeit sinkt.

Und wie spitzt sich die Lage zu?
Senf: Typisch ist, dass sich Betroffene für unentbehrlich halten, sich keine Auszeit gönnen, über längere Zeit eigene Bedürfnisse verdrängen und zum Beispiel monate- oder jahrelang Familie, Freunde und Hobbys vernachlässigen, um ihren steigenden beruflichen Anforderungen gerecht zu werden.

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Warum ordnen diese Menschen alles dem Job unter?
Senf: Burnout-Kandidaten suchen die Schuld bei sich und machen sich nicht klar, dass jeder an permanenter Überforderung scheitern muss. Außerdem fürchten die Betroffenen Nachteile, dass sie ihre Stelle verlieren oder als Versager gelten, wenn sie sich bemerkbar machen.

Wie kann man ihnen helfen?
Senf: Der Betroffene muss aus dem akuten Stress heraus und man muss analysieren, worin die Überforderung genau besteht. Dazu muss die Selbstwahrnehmung geschärft werden. Außerdem müssen die Arbeitsbedingungen des Erkrankten geändert werden, denn sonst kommt der Geheilte zurück an die Front und das Problem fängt von vorne an.

Wer ist besonders Burnout gefährdet?
Senf: Diejenigen, die besonders engagiert und leistungsorientiert sind, die aber unter schlechtem Betriebsklima und unklaren Arbeitsanforderungen leiden und keine Anerkennung und Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen erfahren.

Was müssen Arbeitgeber ändern?
Senf: Gesunde Leistungsträger dürfen nicht systematisch ausgepresst werden, indem man ihnen immer mehr Arbeit, etwa in Form vieler paralleler Projekte und dauernder Verfügbarkeit zumutet. Diese moderne Form der Ausbeutung richtet großen volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schaden an. Unsere wichtige Ressource ,Personal‘ ist begrenzt und Unternehmen müssen schonender als bislang damit umgehen. Außerdem ist es eine Frage von Unternehmenskultur, dass Mitarbeiter frei sagen können, dass sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen – ohne Sanktionen fürchten zu müssen.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.04.2011

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