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Warum Gelassenheit die Karriere befeuert
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Zufriedenheit im Job

Mit einer guten Portion Realismus

Teil 2: Ein großer Bogen um soziale Medien

Regen Sie sich niemals auf?

Doch, natürlich, aber ich versuche, negative Gefühle auszublenden. Die griechischen Philosophen nannten diese Fähigkeit Ataraxie, was so viel heißt wie Gemütsruhe und Gleichmut.

Ist Nachrichtenkonsum nicht notwendig, um Stimmungen mitzubekommen?

Was soll daran so wichtig sein?

Wenn Sie wichtige Themen gar nicht mitbekommen, schreiben Sie womöglich Bücher über Themen, die niemanden interessieren.

Ich schreibe nie für den Markt, sondern immer über Themen, die mich interessieren. Bei "Die Kunst des klaren Denkens" suchte ich ein Buch, das diese Themen in einer Art Enzyklopädie zusammenfasst. Das gab es aber nicht, also hab ich es selber geschrieben. Vor ein paar Jahren fragte ich mich, wie eigentlich ein gutes Leben gelingt – also bin ich wieder auf die Suche gegangen.

Und dann sagten Sie sich: Nachrichten brauche ich nicht?

Ja. Sie stören meinen Seelenfrieden, denn die meisten Nachrichten sind nun mal negativ. Außerdem empfinde ich sie als Zeitverschwendung. Da lese ich lieber ein gutes Buch, schreibe, spiele mit meinen Söhnen oder denke nach. Man hat weniger Stress und mehr Ruhe.

Deshalb machen Sie auch einen Bogen um die sozialen Medien.

Genau. Auf den ersten Blick ersparen uns Technologien Zeit und Geld. Doch sobald man eine Vollkostenrechnung anstellt, löst sich diese Ersparnis in Luft auf. Eine Grundregel des guten Lebens lautet: Was nicht wirklich etwas bringt, kann man sich sparen. Das gilt ganz besonders für Technologie. Knipsen Sie lieber erst Ihr Hirn an, bevor Sie zum nächsten Gadget greifen.

Gibt es denn ein Denkwerkzeug, das auch in einen Tweet passt?


Vermeide Situationen, in denen du Menschen verändern musst.

Für einen CEO ziemlich schwierig.

Finde ich nicht. Ich stelle keine Menschen ein, deren Charakter ich verändern müsste – weil ich es gar nicht könnte. Ich tätige keine Geschäfte mit Leuten, deren Temperament mir nicht passt – egal, wie hoch der vermeintliche Gewinn wäre. Und ich würde nie die Führung einer Organisation übernehmen, wenn ich das Mindset der Menschen dieser Organisation verändern müsste.

Was gehört denn für Sie zu den effektivsten Glückskillern?

Unrealistische Erwartungen.

Inwiefern?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein steigendes Einkommen beflügelt das Glück nur bis zu einem Wert von circa 100.000 Euro pro Jahr. Darüber hinaus spielt Geld kaum mehr eine Rolle. Doch selbst unterhalb dieser Schwelle kann Glück auf paradoxe Art vernichtet werden – nämlich dann, wenn die Erwartung an das Einkommen schneller steigt als das Einkommen selbst.

Wie geht man am besten mit Erwartungen um?

Ordnen Sie Ihre Gedanken. Unterscheiden Sie stets zwischen "Ich muss es haben", "Ich möchte es haben" und "Ich erwarte es". Der erste Satz drückt eine Notwendigkeit aus, der zweite einen Wunsch, der dritte eine Erwartung. Je früher Sie vermeintliche Lebensnotwendigkeiten streichen, desto besser.

Ein Leben ohne Wünsche oder Ziele ist allerdings auch nicht schön.

Nein, aber wir dürfen uns nicht an sie ketten. Seien Sie sich bewusst, dass sich Ihre Wünsche manchmal nicht erfüllen, denn vieles liegt außerhalb Ihrer Kontrolle. Ob Sie CEO werden, darüber bestimmen neben dem Aufsichtsrat auch die Konkurrenz, der Börsenkurs, die Presse, Ihre Familie – lauter Instanzen, die Sie nicht komplett unter Kontrolle haben.

Wie bildet man realistische Erwartungen?

Trennen Sie scharf zwischen Notwendigkeiten, Wünschen und Erwartungen. Beziffern Sie Ihre Erwartungen mit einem Wert zwischen 0 und 10. Erwarten Sie eine Katastrophe (0) oder die Erfüllung eines Lebenstraums (10)? Ziehen Sie zwei Punkte von Ihrem Wert ab – und stellen Sie sich gedanklich auf diesen Wert ein.

Das machen Sie?

Ja, einige Male pro Tag – mit beneidenswertem Ergebnis für mein Glück. Wir gehen mit unseren Erwartungen um wie mit Luftballons. Wir lassen sie steigen, bis sie zerplatzen und als schrumpelige Fetzen vom Himmel fallen. Hören Sie auf, Notwendigkeiten, Ziele und Erwartungen in einen Topf zu werfen. Trennen Sie sie scharf. Die Fähigkeit, Erwartungen bewusst zu bilden, gehört zum guten Leben.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 23.10.2017

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