Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Fahrzeugtechnik

Mit deutschen Autos Geld verdienen

Kirstin von Elm
Die Stahlpreise explodieren, und die Klimadebatte senkt den Absatz: Mit deutschen Autos Geld zu verdienen, war schon mal leichter. Die Hersteller suchen daher neue Ideen - und Tausende Ingenieure, die sich fortschrittliche Erfindungen ausdenken.
Benjamin König baut verbrauchsarme Karosserien für AudiFoto: © Andy Ridder
Das Rad ist schon sehr alt. Mehr als 5000 Jahre ist seine Erfindung her, und weil seitdem sehr viele zusätzliche Techniken erfunden wurden, könnte man meinen, dass der Fahrzeugbau heute kein sehr innovatives Geschäft ist. Ein kurzer Blick auf die Liste automobiler Neuheiten beweist allerdings das Gegenteil: Da gibt es spritsparende Bordelektronik für VW-Fahrer und flexible Kopfstützen für BMW-Kunden, Biodieselmotoren bei Opel und einen Mercedes, der als erstes Fahrzeug der Welt die strenge Abgasnorm Euro-6 erfüllt.Kein anderer Industriezweig meldet in Deutschland mehr Patente an oder gibt mehr Geld für die Forschung und Entwicklung aus als die Automobilbranche. Ein Grund: "Der Innovationsdruck ist enorm. Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, wird von der internationalen Konkurrenz im Handumdrehen abgehängt", sagt Stefan Bratzel, Professor am "Center of Automotive" an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Autobegeisterte Nachwuchsingenieure sind also gefragt, und um weiter mit an der Weltspitze mitfahren zu können, buhlen die Unternehmen um die Talente. Alleine die 20 umsatzstärksten Auto- und Zulieferkonzerne Deutschlands werden bis Ende dieses Jahres mehr als 5500 Ingenieure - vor allem der Fachrichtungen Maschinenbau und Elektrotechnik - neu einstellen. Mehr als die Hälfte aller ausgeschriebenen Positionen findet sich in Abteilungen, die der Produktion vorgelagert sind, jeder fünfte Neuling geht in die Forschung und Entwicklung.

Die besten Jobs von allen

Foto: © Junge Karriere
Kunden wollen Öko statt TurboAllerdings wandelt sich die Branche gerade. Angesichts der steigenden Spritpreise und den verschärften Umweltauflagen vergeht immer mehr Kunden die Freude am Fahren. In der Werbung haben niedrige Schadstoffwerte inzwischen hohe PS-Zahlen als Verkaufsargument abgelöst. Und auch der Öko-Trend schlägt mit Macht auf die Vorgaben an die Entwickler durch - weg von der Fahrleistung und dem Komfort, hin zur Schadstoff- und Spritersparnis. Branchenexperte Bratzel, der regelmäßig die Innovationen der Autokonzerne auswertet, spricht von "umbruchartigen Verschiebungen" und führt als Beispiel Daimler an: 60 Prozent aller 2007 vorgestellten Neuerungen der Stuttgarter zielen auf mehr Ökologie und Wirtschaftlichkeit ab, 2005 war es nur ein Viertel. Und selbst Sportwagenhersteller stellen um. Auf der Londoner Motorshow stellte die britische Firma Lightning gerade einen Elektro-Flitzer vor, der in vier Sekunden von null auf hundert beschleunigt, und beim neuen Lotus ist ein Teil der Karosserie jetzt biologisch abbaubar.Nachwuchsingenieure, die sich mit alternativen Materialien, intelligenter Bordelektronik oder emissionsarmen Antriebsarten auskennen, können beim Vorstellungsgespräch also punkten. Zu ihnen gehört Benjamin König. Der 29-jährige Audi-Ingenieur ist einer von rund 170 Mitarbeitern, die am Aluminium- und Leichtbauzentrum ALZ in Neckarsulm danach forschen, wie sich zum Beispiel Aluminium, Magnesium oder Kunststoffe zu sicheren, stabilen und dennoch leichten Karosserien verarbeiten lassen. Audi gilt als führend beim Aluminium-Leichtbau, als erstes Serienfahrzeug der Welt kam 1994 der A8 mit einer Aluminium-Karosserie auf den Markt. Das damals gegründete ALZ leistet heute Entwicklungsarbeit für alle Marken des VW-Konzerns. Neben Audi und VW also auch für Seat, Skoda, Bentley, Bugatti und Lamborghini.Sieben Audi-Ingenieure, darunter Leiter Heinrich Timm, wurden vom Deutschen Patent- und Markenamt gerade als "European Inventor of the Year 2008" für ihre Arbeit ausgezeichnet. Wenn Timms Assistent Benjamin König nicht gerade Anfragen der Autopresse beantwortet oder seinem Chef die Unterlagen für Meetings vorbereitet, erklärt er dem Vertriebsvorstand bei einer Werksbesichtigung die neuesten Entwicklungen im Leichtbau oder bahnt Hochschulkooperationen für gemeinsame Forschungsprojekte an. "Die Assistentenstelle ist stets auf zwei Jahre befristet. Als sie Mitte 2007 frei wurde, habe ich mich sofort beworben", sagt König.Zu Audi kam er im Dezember 2004 über das internationale Traineeprogramm. Zwölf Monate lang absolvierte er verschiedene Stationen entlang der Entstehungskette eines Sportwagens, angefangen von der Karosseriekonstruktion über die Produktionsplanung und die Qualitätssicherung bis hin zum Vertrieb. Dieser Teil der Ausbildung führte ihn auch für drei Monate zu Lamborghini in Italien. Obwohl der Diplom-Ingenieur schon während seines Fahrzeugbaustudiums an der FH Hamburg (heute Hochschule für Angewandte Wissenschaften HAW) Kontakte zu Audi knüpfte und dort seine Diplomarbeit schrieb, musste er wie jeder Bewerber für die Traineestelle durch das reguläre Auswahlverfahren und sich in einem TelefonInterview, dem Online-Assessment und der zweitägigen Endrunde behaupten. "Dafür bekommt man bei Audi schon als Trainee einen unbefristeten Vertrag und organisiert sich das Programm mit seinem Mentor individuell passend zum späteren Einsatzgebiet."
Foto: © Junge Karriere
Rasanter AufstiegBevor er seine Stelle als Assistent im ALZ antrat, arbeitete Benjamin König anderthalb Jahre als Ingenieur in der Karosseriekonstruktion. Manchmal fehle ihm das Tüfteln, gesteht der Nachwuchsmanager, doch dafür eröffne ihm die jetzige Tätigkeit ganz andere Einblicke und viele Türen - beste Voraussetzungen also, um in gut einem Jahr die nächste Aufgabe im Konzern zu übernehmen, vermutlich mit der ersten Führungsverantwortung. Und neulich erst durfte er zum Finale der "Formula Student Germany" an den Hockenheimring reisen. Bei diesem internationalen Wettbewerb treten Studententeams aus aller Welt mit selbstgebauten Rennwagen gegeneinander an. Audi zählt neben Bosch, BMW, Continental, Daimler und anderen Branchengrößen zu den Sponsoren und vergibt selbst einen Preis, natürlich für das beste Leichtbau-Konzept. "Das technische Niveau ist beeindruckend hoch", sagt König.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick