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Weibliche Führungskräfte

Mehr Power, Frauen!

Christoph Stehr
Auf ihrem Weg nach oben bleiben Frauen immer noch in Männerseilschaften hängen. Durch Seminare und Coaching entdecken sie alternative Routen.
Geschlechterkampf im Büro: Bloß nicht verausgabenFoto: © Walter Luger - Fotolia.com
Es ist eng im Yachthafen von Zadar, einem Seebad an der kroatischen Adria. Das 15 Meter lange Segelschiff "Corinna" manövriert langsam zwischen kleineren Booten. Die Frau, die achtern das Steuer bedient, lauscht angestrengt den Kommandos ihrer Teamgefährtin am Bug. Auf 15 Meter Entfernung schlucken Wind, Wasser und Möwen jedes zweite Wort - so geht es nicht. Die Skipperin hilft, sie ruft die Kommandos von mittschiffs weiter. Die "Corinna" findet den Weg aus dem Hafen.Eine Stunde später, während die Skipperin Kurs auf eine Inselgruppe hält, trifft sich die Crew in der Kajüte. Auch hier ist es eng, acht Frauen zwängen sich um den Tisch. Auf See gehen sie allenfalls als Leichtmatrosen durch, aber an Land bekleidet jede einen Offiziersrang: Marketingleiterin, Personalchefin, Partnerin in einer Unternehmensberatung. Sie nehmen an dem Seminar "Coach 'n' Sail" für Führungsfrauen teil, das der Nürnberger Trainer Jürgen Mahler regelmäßig veranstaltet.

Die besten Jobs von allen

"Wir nutzen das Schiff als Metapher für ein Unternehmen", erläutert Mahler. Das schwierige Manöver im Hafen von Zadar wird zur Managementlektion: Die Marketingleiterin erzählt, mit ihren Vorschlägen für Produktinnovationen dringe sie selten bis zur Geschäftsführung vor. Ein "Verstärker", der ihre Botschaft weitertrage, sei vielleicht die Lösung - so wie eben selbst an Deck erlebt. Die Fertigungsleiterin einer Maschinenfabrik deutet die Szene anders. Die Kollegin sollte öfter mal das Steuer abgeben und nach vorn, zu den Mitarbeitern am Band gehen, meint sie, dann wüsste sie, was im Unternehmen wirklich los sei.Für Mahler zählt bei der Diskussion vor allem der "Transfer in den Beruf". "Frauen in Führungspositionen stehen verschiedenen Erwartungen und Zuschreibungen von außen gegenüber - das reinste Rollenspiel", sagt der Coach. "Das Leben an Bord hilft ihnen, Rollen zu erkennen und zu hinterfragen, weil hier eine kleine Crew eine Vielzahl von Rollen besetzt."Die Tatsache, dass es Führungsseminare speziell für Frauen gibt, belegt, was noch immer deutsche Realität ist: Nach der jüngsten Auswertung des Wirtschaftsinformationsdienstes Hoppenstedt fiel der Anteil von Frauen im deutschen Top-Management von 7,5 Prozent Anfang 2007 auf 5,7 Prozent Anfang 2008. "Frauen haben zwar auf niedrigeren Führungspositionen und auf Führungspositionen in Teilzeit zugelegt, nicht aber auf höheren und Vollzeitstellen", sagt Corinna Kleinert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dessen eigene Studien die Hoppenstedt-Ergebnisse bestätigen."Die gläserne Decke" - es gibt sie nach wie vor. Denn je größer das Unternehmen, je verantwortungsvoller die Position und je höher die Führungsebene, desto weniger Frauen finden sich dort." Insgesamt ist etwa jede zehnte Top-Führungskraft weiblich. Damit liegt Deutschland zwar im europäischen Durchschnitt, aber andere Länder wie Schweden und Großbritannien sind weiter."Das größte Karrierehemmnis für Frauen sind nicht Kinder, sondern Vorurteile", zieht die Hamburger Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff ihr Resümee aus 20 Jahren Geschlechter-Forschung. "Weibliche Leistung wird weniger anerkannt als männliche Leistung. Daraus ergeben sich Einkommensnachteile, die sich wiederum so auswirken, dass Frauen ihre Karrieren selbst begrenzen. Je höher eine Frau in der Hierarchie steht, desto geringer ist ihr Wunsch ausgeprägt, weiter aufzusteigen."Die wenigen, die die "gläserne Decke" durchstoßen, müssen mehr leisten als ihre männlichen Mitbewerber. Karin Katerbau, Vorstandsmitglied der Commerzbank-Tochter Comdirect, absolvierte ein deutsch-französisches Elitestudium und arbeitete sich in zig Funktionen von Produktmanagement bis Controlling hoch, bevor sie ihre Chance bekam.McKinsey-Partnerin Clara Streit schrieb Fachbücher und zog als Beraterin jahrelang rund um den Globus. Helga Rübsamen-Waigmann, Geschäftsführerin der Bayer-Ausgründung Aicuris, erwarb sich einen Weltruf als Virologin und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. WDR-Intendantin Monika Piel überzeugte durch ihr Engagement für den interkulturellen Dialog in Deutschland.Solche Vorzeigekarrieren sind selten geplant - weder von den Frauen selbst noch von den Unternehmen. Die zahlreichen Gleichstellungsinitiativen (siehe Kasten) ändern daran wenig. "Die Einstellung von Frauen in Spitzenpositionen müssen die Unternehmen auch tatsächlich vornehmen", fordert Privatdozentin Elke Holst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.
Langsam macht sich Resignation breit.
"Alles was an Frauenfördermaßnahmen in den vergangenen 20 Jahren angeschoben wurde, sei verpufft, sagen viele Frauen in meinen Studien. Vieles wurde als reine PR empfunden", berichtet Sonja Bischoff. "Ich glaube, das einzig Wirksame sind Mentoring-Programme. In meinen Untersuchungen habe ich gesehen, dass erfolgreiche Frauen mit einem Jahreseinkommen über 100000 Euro auch erfolgreiche Mütter hatten. Das heißt, es kommt auf Vorbilder an, und diese Funktion wird nur von Mentoring-Programmen ausgeübt."Bei den Veranstaltern von Führungsseminaren für Frauen ist diese Erkenntnis angekommen. Die früher verbreiteten Konfrontationstrainings nach dem Motto "Wir Frauen zeigen es euch Männern!" haben ausgedient. Das Wort von der "smarten Karriere" macht die Runde: Frau soll sich nicht verausgaben, sondern ihre Energie ökonomisch einsetzen - und die Männer für ihre Ziele einspannen."Weniger Fleißarbeit im Hamsterrad, mehr Strategie", empfiehlt zum Beispiel die Essener Trainerin Marion Keup. "Suchen Sie Herausforderungen, mit denen Sie glänzen können - und tun Sie das dann auch. Setzen Sie sich bei den für Sie wichtigen Leuten ins rechte Licht. Wie anders soll Ihr Chef wissen, was Sie können?", rät sie ihren Klientinnen.

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