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Arbeitsmodelle

Mehr Freiheit in der Festanstellung

Markus Albers
Immer mehr Chefs führen flexible Arbeitsmodelle ein. Wo die Mitarbeiter ihre Aufgaben erledigen, ist ihnen egal. Davon profitieren beide Seiten: Der Einklang von Job und Beruf motiviert, mehr Leistung zu bringen. Zukünftig müssen Unternehmen diesen Anreiz bieten, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Foto: © Junge Karriere
Aufgepasst! Wir stehen vor einer grundlegenden Umwälzung dessen, was wir unter Arbeit verstehen. Die "Easy Economy" bringt Festangestellten ein Maß an Freiheit und Selbstbestimmung, wie es bisher nur Freiberufler kannten. Sie gehen tagsüber ins Kino oder shoppen. Sie spielen mit ihren Kindern, stellen die Waschmaschine an oder machen ein Nickerchen. Sie integrieren ihre Hobbys, persönlichen Interessen und Freunde in ihren Tagesablauf, der bislang nur vom Berufsleben geprägt war. Und sie machen dabei keine Abstriche im Job.Im Gegenteil: Diese neuen "Freiangestellten" begegnen Kollegen und Vorgesetzten produktiver, gelassener und souveräner. Seit kurzem fangen fortschrittliche Firmen an, ihre Mitarbeiter von überall aus arbeiten zu lassen. Viele von ihnen messen nicht mehr Anwesenheit, sondern Ergebnisse. Ob Deutsche Bank oder IBM, BMW oder SAP - sie alle haben die Vorteile einer Arbeitsweise erkannt, die ohne festen Ort auskommt. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft wird Telearbeit heute bereits von 18,5 Prozent der deutschen Unternehmen angeboten - 2003 waren es noch 7,8 Prozent, 2000 erst vier Prozent. Die Technik war damals einfach noch nicht so weit. Die Prognosen gehen davon aus, dass sich in den nächsten vier bis fünf Jahren die Anzahl der Beschäftigten, die regelmäßig mobil und flexibel arbeiten, etwa verdoppeln wird. Aber auch heute gibt es schon erste Beispiele dieses neuen Trends.

Die besten Jobs von allen

Allein erziehend, fest angestellt in VollzeitSo wie Dana Ebert. Die 30-jährige allein erziehende Mutter arbeitet beim Medizintechnikhersteller Stryker in Duisburg fest angestellt und Vollzeit. Wie das geht? Mit Hilfe eines flexiblen Arbeitgebers und mit moderner Technik. Die Angestellte im Kundenservice ist jeden Tag sieben Stunden in der Firma, von acht bis 15 Uhr, während ihre fünfjährige Tochter in der Tagesstätte ist. Und dann noch zwei Stunden zu Hause, nachdem sie die Kleine gegen sieben ins Bett gebracht hat. Oder Marcel Schreiner. Er ist 24 Jahre alt und arbeitet bei der Firma Freudenberg in der Dichtungs- und Schwingungstechnik. "Ich habe sehr flexible Arbeitszeiten und nicht mal einen festen Arbeitsplatz", sagt er, "sondern ich suche mir jeden Morgen einen neuen Schreibtisch." Schreiner kann sich auch von unterwegs oder zu Hause aus per Netzwerkzugang oder UMTS in die Firma einwählen und "situativ arbeiten", wie er es nennt. "Ich weiß, dass ich die Möglichkeit habe, morgens auch erst um zehn oder elf im Büro zu sein, wenn der Handwerker kommt oder ein Arzttermin ansteht."Eine faszinierende Entwicklung, die in letzter Konsequenz das Ende des Büros, wie wir es kennen, bedeutet. Hintergrund ist nicht zuletzt ein Generationenwechsel: Junge High Potentials wollen nicht mehr Eckbüro und Firmenwagen, sondern freiere Zeiteinteilung, selbstbestimmtes Arbeiten und bessere Work-Life-Balance. Sie wissen: Im Büro kommt es durch Ineffizienz und Ablenkung zu teils dramatischen Verlusten an Produktivität. Wer sich hingegen seine Arbeit selbst einteilen kann, wer konzentriert arbeitet, wenn er sich am fittesten fühlt und nachdem dringende Privatsachen erledigt sind, schafft die Arbeit von neun Stunden in fünf. Der Rest ist gewonnene Freizeit. Die mit Handy und E-Mail aufgewachsenen Generationen lassen sich nicht mehr an den Schreibtisch ketten. Die Arbeitgeber müssen ihre Recruiting-Bemühungen künftig darauf abstimmen. Jobsuchende und Studienabgänger können ihre Vorstellungen eines ausgeglichenen Arbeits- und Privatlebens derzeit so gut durchsetzen wie noch nie. Deutschland wird als Einwanderungsland für hochqualifizierte Ausländer immer unattraktiver. Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums kamen 2007 nur noch 23400 Menschen aus Nicht-EU-Staaten, um bei uns einer Arbeit nachzugehen - ein Drittel weniger als im Jahr zuvor. Auch die Zahl junger Nicht-EU-Bürger, die in Deutschland ein Studium aufnahmen oder einen Sprachkurs besuchten, sank um etwa 3000 auf 31400. Arbeitgeber auf der Suche nach Wissensarbeitern müssen deshalb weiter vor allem in der demografisch schrumpfenden deutschen Bevölkerung rekrutieren.Und das verschärft wiederum den Fachkräftemangel. Der VDI beziffert die Zahl fehlender Ingenieure in Deutschland auf 50000 und rechnet durch den Produktivitätsausfall mit einem Verlust an Wertschöpfung in Höhe von 3,5 Milliarden Euro jährlich. Der DIHK warnt vor deutlichen Wachstums- und Beschäftigungsverlusten durch den derzeitigen Mangel an hochqualifizierten Mitarbeitern. Der Arbeitgeberverband BDA spricht von einer neuen Dynamik in der Diskussion: Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sei jede vierte Stelle länger als drei Monate vakant, zwölf Prozent der Stellen müssten mindestens sechs Monate lang unbesetzt bleiben, und jede fünfte Stelle gelte als "schwer besetzbar"."Die Generation der Babyboomer geht langsam in Rente"Die Unternehmensberatung McKinsey warnt, bei einem starken Wirtschaftswachstum fehlten Deutschland bis 2020 rund 6,1 Millionen Arbeitskräfte. Weil also immer mehr gut ausgebildetes Personal auf dem Markt fehlt, haben hochqualifizierte Arbeitnehmer in bestimmten Branchen schon heute häufig jede Menge Auswahl an attraktiven Jobs - und die Arbeitgeber müssen sich zunehmend etwas einfallen lassen, wenn sie international die besten Köpfe anziehen und dann auch halten wollen. "Die Generation der Babyboomer geht langsam in Rente, und das zwingt Arbeitgeber, um neue Arbeitskräfte zu werben, indem sie junge Angestellte arbeiten lassen, wo immer diese wollen", schreibt auch die britische Zeitschrift Economist. Dabei hilft Antonella Lorenz kräftig mit. Die Unternehmerin hat ihre Software-Firma Lorenzsoft 1991 in Freising gegründet, seitdem aufgebaut, und man könnte sie sich als gestressten, ausgelaugten Workaholic vorstellen.Das Gegenteil ist aber der Fall. Die dynamische 44-Jährige sagt, sie werde als Managerin keineswegs ständig beansprucht, um schnell ein Projekt zu retten oder einen Kunden zu beruhigen. Und - undenkbar für viele ihrer Chefkollegen: Sie könne auch durchaus mal drei Wochen am Stück in den Urlaub gehen. Diesen für Unternehmer ganz ungewöhnlichen Zustand hat sie paradoxerweise erreicht, indem sie auch ihren Mitarbeitern besonders viel Freiheit einräumt. Ihre Philosophie ist es, "Arbeitsabläufe zu beschleunigen und so jedem Einzelnen mehr Lebensqualität zu verschaffen" sowie "durch kleinteiliges Arbeiten Freiräume entstehen zu lassen".

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