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Büro-Wahnsinn

Meetings – aber richtig

Teil 2: Lassen Sie mich ausreden!


Foto: pressmaster/Fotolia.com

Damit am Ende auch jeder weiß, was die nächsten Schritte sein sollen, sollte jemand ein Ergebnisprotokoll schreiben, das er bald nach der Konferenz an die Teilnehmer verschickt mit dem Auftrag, es zu ergänzen. So kann sich jeder überzeugen, dass er die wesentlichen Punkte verstanden hat. Und beim nächsten Meeting zum gleichen Thema sollten die Teilnehmer überprüfen, ob sie ihre Ziele erreicht haben.

Für großen Meeting-Frust sorgt oft auch ein Mangel an Gesprächskultur. Da ist der Typ Selbstdarsteller, der mit seinen Ideen möglichst gut beim Chef dastehen will. Gegenüber sitzt einer, der den anderen möglichst immer ins Wort fällt, sobald eine gute Idee diskutiert wird – Hauptsache, auch er gibt seinen Senf dazu. Und meist spielt auch mindestens einer mit seinem Smartphone und hört demonstrativ weg.

Die besten Jobs von allen


Diese und weitere Stereotypen hat die US-Psychologin Sharon Livingston vor einigen Jahren definiert. Sie hat im Laufe ihrer Karriere mehr als 40.000 Arbeitnehmer und Manager interviewt und beobachtet und immer wieder die gleichen Muster entdeckt. Neben dem Boss gibt es ihrer Theorie zufolge etwa die Schnarchnase, den Frohsinnigen, oder den Schüchternen. Manche haben von mehreren etwas, doch jeder erkennt sich wieder

Was der Sitzplatz über die Persönlichkeit verrät

Den verschiedenen Typen hat Livingston auch Sitzplätze zugeordnet. Denn meistens ist es kein Zufall, wo jemand sitzt. Am Kopfende des Konferenztischs sitzt der Chef. So hat er alle im Blick und demonstriert seine Macht. Rechts von ihm nimmt meist sein Assistent Platz – ist der nicht da, findet sich dort jener, der immer als erster nickt und seine Nähe zum Chef durch eifrige Zustimmung ausdrückt. Links vom Boss sieht das schon ein wenig anders aus: Auch dort zählt die Chef-Nähe, aber der Linkssitzer ist schon mehr auf Kritik aus als sein Gegenpart auf der rechten Seite.

In der Mitte sitzen oft die, die viel reden. Sie können möglichst viele am Tisch ansehen und so eine große Aufmerksamkeit erzeugen. Ganz am Ende gibt es noch den Gegenpart zum Chef. Dort sitzen die Kritiker, die Nörgler, die an allem etwas auszusetzen haben. Bleiben noch die Ecken und der Rand. In den Ecken kann man sich gut zurückziehen, dort ist der Platz der Schüchternen.

Schließlich gibt es die Außenseiter, für die am Tisch kein Platz mehr war. Sie stehen dann entweder ziemlich weit unten in der Hierarchie, wollen lieber den Überblick behalten – oder sie sind einfach zu spät gekommen und haben keinen Platz mehr gefunden

Überschaubare Meeting-Psychologie

Mit solchen Kategorien hat Livingston große Aufmerksamkeit erfahren. Die psychologische Forschung zu Meetings ist insgesamt allerdings bis heute überschaubar, wie das britische Fachjournal The Psychologist dokumentiert. Das mag vor allem daran liegen, dass Meetings je nach Unternehmen und Abteilung immer wieder unterschiedlich ablaufen und man sie schwierig vergleichen kann. In einem Punkt sind sich die Forscher allerdings einig: Die Zahl der Meetings hat zugenommen – und sie wird weiter steigen. Dem kann sich kein Angestellter entziehen

Aber sind Konferenzen nur ein notwendiges Übel, das man über sich ergehen lassen muss? "Meetings sind ein nützliches Werkzeug", ermutigt der Organisationspsychologe Joseph Allen von der Creighton University. "Der Schlüssel ist, unsere Meetings besser zu machen und schlecht geführte Meetings abzuschaffen." 

Das klingt allzu einfach. Allens Kollege Stephen Rogelberg mahnt zur Geduld. Große Verbesserungen geschehen nicht über Nacht, meint er. "Wenn nur ein Meeting pro Woche besser läuft, kann das zu bemerkenswerten Fortschritten führen", sagt er. Und das allein tue der Gesundheit und Motivation der Arbeitnehmer gut.

Vielen Kollegen könnte es aber auch gut tun, auf einige Konferenzen zu verzichten. Und wer das nächste Mal in einem überflüssigen Meeting seine Zeit verschwendet, kann vielleicht mit dem Vorschlag des Tages glänzen: Machen wir das Ganze ein wenig effizienter

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Dieser Artikel ist erschienen am 17.09.2012

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