Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Berufsbild

Medien - die Traumfabrik im Porträt

Peter Nederstigt, mar, mse
Drei Jahre lang produzierte die einstige Traumbranche vor allem schlechte Nachrichten und Arbeitslose. Doch langsam erholen sich die Medien von der Schlimmsten Krise der Nachkriegszeit. Neue Formate und technischer Wandel bieten Einstiegschancen für kreative Köpfe. Eine Branche im Aufbruch.
In der Medienbranche tut sich wasFoto: © Feng Yu - Fotolia.com
Anastasia hat gut lachen. Seit sie vor sechs Jahren erstmals auf der Mattscheibe erschien, geht es für die schwarzgelockte MTV-Moderatorin nur nach oben. Was man von der Medienbranche nicht behaupten kann. Werbeeinbrüche von 30 Prozent waren zu verkraften, der Dortmunder Medienforscher Horst Röper sprach von der "größten Medienkrise der Nachkriegszeit". Doch Anastasias Beispiel beweist: Auch in der Flaute machte die Traumfabrik Karrieren. "Die Krise", sagt Journalistik-Professor Bernhard Pörksen, "ist auch die Stunde der Kreativen."Es tut sich was

Die besten Jobs von allen

Und die Zeichen für eine Erholung mehren sich. Zu den Münchener Medientagen, dem wichtigsten Branchentreff, kamen im vergangenen Oktober 1.200 Teilnehmer mehr als im Vorjahr. Und sie konnten Gutes berichten: Die Werbeerlöse sinken nicht mehr, die Verleger, die noch vor zwei Jahren ganze Blätter eingestampft hatten, wagen wieder Experimente, das Internet entwickelt sich zur Einnahmequelle, und die TV-Sender erwarten einen Schub durch das digitale Fernsehen.Erstmals seit dem Boomjahr 2000 registrierte die Arbeitsagentur 2004 wieder weniger Arbeitslose und mehr Jobofferten. "Die Talsohle", sagt Medienforscher Röper, "ist erreicht." Klar ist aber auch: Die Branche wird eine andere sein als 2000. Die besten Einstiegschancen haben jene, die sich schon jetzt auf die neuen Trends einstellen.Trend 1: Rauschen im Blätterwald "Der Jobabbau im redaktionellen Bereich ist gestoppt", verkündet Martin Dieckmann, Fachgruppenleiter für Verlage und Agenturen bei der Gewerkschaft Verdi. Seit etwa einem Jahr haben die Verleger den Fuß von der Kostenbremse genommen und versuchen mit Innovationen wie Tageszeitungen im handlichen Tabloid-Format junge Leser zu gewinnen."Im Werbeboom", sagt Dieckmann, "konnten die Verlage gut mit den sinkenden Auflagen leben." Doch mit abnehmendem Werbevolumen steigt die Bedeutung der Vertriebserlöse. Zu den Vorreitern der Tabloid-Offensive gehört neben Welt und Financial Times Deutschland die Verlagsgruppe Handelsblatt (in der auch karriere erscheint), die im Herbst in Frankfurt die Tageszeitung News launchte. Nach einer aktuellen Befragung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG haben drei Viertel der 54 befragten Verlage schon Erfahrung mit alternativen Formaten oder können sich ein solches Engagement vorstellen.Daneben exportieren die Verlage ihre erfolgreichen Konzepte auf die wachsenden Märkte Osteuropas oder gründen in Deutschland Ableger ihrer etablierten Titel. Besonders eifrig betreibt diese Art der Fortpflanzung, neudeutsch: Line Extension, der Hamburger Verlag Gruner + Jahr, der in den letzten Jahren mit Geo Saison, Geo Special, Geo Epoche, Geo kompakt, Geolino, Geolino Extra und Geo Wissen eine neunköpfige Familie um seinen Evergreen des Wissenschaftsjournalismus gescharrt hat. Etablierte Blätter wie zum Beispiel Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung springen auf den Zug der Wissensmagazine auf, der mit der neuen Lust auf Bildung rasant an Fahrt gewinnt.Gleichzeitig bauen die Printmedien durch Zusatzgeschäfte wie die SZ-Bibliothek oder Zeit-Leserreisen ein drittes Standbein auf, um sich unabhängiger von der volatilen Anzeigenkonjunktur zu machen. 2004 spülten solche Aktionen 30 Millionen Euro in die Kassen des Süddeutschen Verlags, verriet Produktentwickler Dirk Rumberg gegenüber Junge Karriere. Und auch Zeit-Herausgeber Michael Naumann sagt: "Fast 20 Prozent unseres Jahresgewinns entstammen mittlerweile derartigen Nebengeschäften."Trend 2: Outsourcing Gemeinsam ist all diesen Projekten, dass sie mit kleiner Mannschaft produziert werden. Die Verlage haben noch die Erfahrungen der letzten Jahre in den Knochen, als sie zunächst Redakteure zu Mondpreisen einkauften, um sie dann mit hohen Abfindungen wieder auf die Straße zu setzen. "Es ist leider sicher, dass die Verlage dauerhaft an der Redaktion sparen", verkündet Medienexperte Horst Röper. Stattdessen geben Zeitschriften selbst Kernaufgaben wie das Schreiben zunehmend nach draußen an freie Autoren, stellte KPMG schon vor einem Jahr in einer Studie über "Outsourcing in Zeitschriftenverlagen" fest.Doch während sich viele Freie bislang zu Dumpingpreisen verkaufen mussten, steigen jetzt mit zunehmenden Zeitungsumfängen auch wieder die Aussichten auf lukrative Aufträge. Journalistikausbilder Pörksen, der seinen Studenten mittlerweile auch Workshops zu Freelancer-Themen wie "Netzwerkpflege" und "Wie schreibe ich ein Exposé" anbietet, sieht den Zwang zur Selbstständigkeit deshalb zugleich als Chance. Voraussetzung: "Der Journalist muss sich als Marke begreifen." Freie wie Eva-Maria Schnurr, die sich mit Kommilitonen der Henri-Nannen-Schule im Netzwerk "Plan 17" zusammengeschlossen hat, um auch große Projekte abwickeln zu können, haben die Zeichen der Zeit erkannt, füllen renommierte Magazine wie den Stern und leben vergleichsweise gut davon.Während solche Redaktionsbüros inzwischen ganze Beilagen oder Kundenmagazine produzieren, gewinnt bei den klassischen Zeitungsredaktionen die Funktion der Schaltzentrale an Gewicht. Dort werden Seiten geplant, Texte bestellt und bearbeitet, wie etwa im modernen Newsroom des Handelsblatts, wo Redakteure wie Bert Fröndhoff die Texte von Kollegen und freien Autoren redigieren. Auch wenn sich renommierte Titel wie Handelsblatt, SZ, Spiegel oder Wirtschaftswoche weiter einen festen Stab von Autoren leisten werden, glaubt Verdi-Mitarbeiter Dieckmann: "Es wird eine deutliche Trennung zwischen Blattmachern und Schreibern geben."

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick