Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Unternehmensberatung

McKinsey: Zwischen Mythos und Legende

Guido Walter
Warum Thomas Engel von der Unternehmensberatung McKinsey seinen Klienten ständig widersprechen muss und warum er keine Schlumpfsammlung auf dem PC-Bildschirm braucht, um sich am Arbeitsplatz wohlzufühlen.
Kundendaten werden bei McKinsey streng vertraulich behandeltFoto: © Stefan Redel - Fotolia.com
Andere reden, McKinsey schweigt. Informationen über Kunden geheim zu halten, gehört bei der weltgrößten Unternehmensberatung zum Verhaltenskodex. Wer wissen will, wen McKinsey & Company so alles berät, stößt auf Granit. Nein, Namen können nicht genannt werden. Nicht mal die Stadt. Auch nicht die Branche. Geheimnistuerei ist ein perfekter Humus für Gerüchte, Mythen und Legenden. Die machen sich dann an Äußerlichkeiten fest. Berater im Prada-Anzug, die entweder im Jet in der Business Class oder im schwarzen BMW unterwegs sind. Die mit Begriffen wie "Performance-Optimierung" um sich werfen und gleichermaßen in Chefetagen sowie Ministerien die Strippen ziehen. Das ist McKinsey. Eine ebenso mächtige wie zugeknöpfte Beraterfirma. Die von ihr betreute Firmen gnadenlos auf Effizienz und Shareholder Value trimmt, auch wenn das zu Entlassungen führt. Was Top-Studenten erzählen, die McKinsey aus ganz Europa alljährlich zum Kennenlernen einlädt, bestätigt das Elite-Klischee. Da ist von Reisen in die Ägäis, von Fünf-Sterne-Hotels und Segeltörns die Rede. Wer McKinsey in Berlin besucht, findet auf den ersten Blick die Stereotypen von der exklusiven Welt der Consultants bestätigt.Die Beraterfirma mit Stammsitz New York residiert dort, wo der Kurfürstendamm am teuersten ist. In der Nachbarschaft stellen Chopard, Jil Sander und Sonia Rykiel ihre Kollektionen aus. McKinsey selbst bewohnt zwei Stockwerke in einem kolossalen Altbau. Wuchtige Marmorsäulen im Eingang sagen: Hier wird Geld verdient. Im Aufzug ein Jungmanager mit gegeltem Haar und Blackberry in der Hand. Den Druck auf den vierten Etagenknopf quittiert er mit einem Gewinnerlächeln. "Mackies", so nennen sich die weltweit 14.000 Mitarbeiter von McKinsey untereinander, verstehen sich eben. Doch schon der Empfangsbereich im dritten Stock will so gar nicht ins eben noch gefestigte Weltbild passen. Ein schlichter Holztresen im Ikea-Stil. Flure mit grauem Teppich ziehen sich zu den Bürofluchten hin. Alles ist einfach und schlicht. Irgendwie passt Thomas Engel da ins Bild. Der hoch gewachsene Grauschopf trägt ein Hemd ohne Krawatte und scheint die Ruhe selbst zu sein. Sein Büro liegt in Friedrichshain. Nein, natürlich nicht wirklich dort. Bei McKinsey in Berlin sind die Büros nach Stadtbezirken benannt, erklärt er. Feste Arbeitsplätze gibt es nicht. Das Mackie-Motto lautet: Wo immer ich meinen Laptop hinlege, ist mein Heim. Also in "Prenzlauer Berg", "Wilmersdorf" oder "Mitte". Thomas Engel gewinnt dem mobilen Business-Leben die positiven Seiten ab. "Ich habe mich schnell daran gewöhnt", sagt er über die "Flex Offices".

Die besten Jobs von allen

Typische Arbeitstage sind selten"Ich bin aber auch nicht der Typ, der sich eine Schlumpf-Sammlung auf den PC-Bildschirm stellt." Zwei Kollegen lächeln leicht genervt, wir stören. So lässt Engel sein Notebook Notebook sein, und bittet in einen Konferenzraum. Engel ist Doktor der Ingenieurwissenschaft und irgendwie sieht man ihm das auch an. Er ist eher der offene, hemdsärmelige Typ. Und überhaupt nicht gleich so künstlich begeistert von dem, was er jobmäßig tut. Nein, er kann nicht sagen, für wen er gerade arbeitet. "Ärzte sind auch zur Vertraulichkeit verpflichtet, wenn es um die Schweigepflicht geht", sagt er auf dem Weg durch den Flur. Ist eben ein Grundsatz bei McKinsey. "Aber ich wusste schon, was mich hier erwartet. Irgendeinen Nimbus zu pflegen das liegt mir fern." Das nimmt man ihm ab. Engel ist Ingenieur durch und durch. Kein Blender. Eher ein Tüftler-Typ, der gern Radios aufschraubt. Bei McKinsey führt er den Titel "Engagement Manager." Das ist schon ein höherer Rang unter Consultants, nach "Fellow" und "Associate". Lösungen zu finden, so sagt er, dass ist sein Ding. Als Ingenieur, und auch als Berater. "Wir helfen Unternehmen, schwierige Probleme zu lösen. Probleme, die teilweise sogar existentiell sein können."Einen typischen Arbeitstag gibt es nicht, wohl aber wiederkehrende Abläufe. Wie am letzten Montag. 8.30 Uhr bis 9.30 Uhr: Termin beim Vorstand eines Unternehmens. Einzelgespräch mit einem Vorstand. Im Anschluss Aufbereitung der Gesprächsinhalte für eine Powerpoint-Präsentation. Dann Teamsitzung. Im Großen und Ganzen ging es um das Thema Pricing. Nehmen wir ein Unternehmen aus der Schwerindustrie. Das hat einen neuen Spezialstahl hergestellt und will nun von den Beratern wissen, wie viel man dafür am Markt nehmen kann. Nur ein Beispiel, denn Unternehmen und Branche, für die Engel und sein Team gerade arbeiten, dürfen nicht genannt werden. Sein Team besteht aus acht Leuten. Die hat Engel als Projektleiter selbst zusammengestellt. "Uns stehen hier wie auf einem internen Markt Projekte zur Auswahl", sagt er. Wenn ein neues Projekt ausgeschrieben wird, kann sich jeder darauf bewerben. Umgekehrt wird man auch selbst ausgesucht. Ein kleiner Gradmesser für den persönlichen Marktwert innerhalb der Company? Engel lacht. "Ich habe noch nie erlebt, dass ich aus einer Verlegenheit heraus irgendein Projekt machen musste." Glück für ihn, denn die "up-or-out-policy" - auf Deutsch "aufsteigen oder gehen" - hat sich McKinsey bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auferlegt. Das sorgt für Leistungsdruck. Es ist auch kein Geheimnis, das jährlich zwischen 10 und 15 Prozent der Consultants "eine neue Perspektive außerhalb von McKinsey finden", wie es in der Selbstdarstellung des Unternehmens heißt. In regelmäßigen Abständen erhalten die Beraterinnen und Berater eine Beurteilung.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick