Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Handwerk

Manager in der Werkstatt

Stefan Wimmer
Studierte sind im Handwerk Exoten. Doch die technischen Herausforderungen an die Betriebe steigen immer weiter. Und damit ist der Weg in eine Führungsposition für junge Akademiker kurz. Wir stellen Menschen vor, die es geschafft haben.
Moritz Reifferscheid ist HolztechnikerFoto: © Lothar Sprenger
Wenn Moritz Reifferscheid seine ockerfarbene Latzhose über den petrolfarbenen Pulli zieht und vom Großraumbüro in die Produktionshalle wechselt, fühlt er sich wie ein Model auf dem Laufsteg. Die Handwerker mustern ihn, mancher nickt anerkennend. Denn normalerweise tritt der 32-Jährige nicht in der Tischlermontur auf.Reifferscheid ist Diplom-Ingenieur und hat Verfahrenstechnik mit Schwerpunkt Holz an der Technischen Universität Dresden studiert. Er leitet die Abteilung Forschung und Entwicklung der Deutschen Werkstätten Hellerau, kurz DWH, in der Nähe von Dresden. "Anfangs hieß ich nur ,Der Professor'", sagt er lachend. Reifferscheid schaut sich alle Prozesse genau an, um sie zu optimieren, packt aber auch mal an. In einer Ecke der Produktionshalle steht seine Werkbank, an der er neue Techniken und Verfahren ausprobiert. "Im Studium wurde uns vermittelt, wir müssten den Handwerkern genau diktieren, was sie zu tun haben", sagt er. Doch er spricht mit den Tischlern lieber auf Augenhöhe.

Die besten Jobs von allen

Warum leistet sich ein Innenausbaubetrieb einen Verfahrenstechniker mit Uni-Abschluss? "Die technischen Anforderungen im Handwerk verstärken sich", sagt Lothar Semper, Geschäftsführer des Bayerischen Handwerkstags. "Ein Heizungsinstallateur zum Beispiel geht heute nicht mehr ohne Laptop zum Kunden. Die Anlagen sind nicht zuletzt durch den Umweltschutz sehr komplex geworden. Dadurch ergeben sich Jobchancen für Akademiker."Das Gros der deutschen Handwerksbetriebe besteht laut Semper aus fünf oder sechs Beschäftigten, aber gerade in Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten hätten auch Hochschulabsolventen gute Chancen, in Führungspositionen einzusteigen. "Der Akademikeranteil im Handwerk ist noch zu gering", meint auch Alexander Legowski vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). "Leistungsfähige Betriebe fördern deshalb KombiStudiengänge an den Berufsakademien oder bieten Studenten Praktika und die Übernahme nach ihrem Abschluss an."Zuerst die Ausbildung, dann das StudiumReifferscheid arbeitet in einem Unternehmen mit 200 Beschäftigten. Er hat eine Tischlerlehre in Hamburg absolviert, dann in Dresden und Wien studiert. Danach hat er versucht, sich mit selbstentwickelten Trockenbauplatten aus Lehm selbstständig zu machen. So viel Innovationsfreude kommt an beim Traditionsunternehmen DWH.Schon früh nach der Gründung 1898 forcierten die Sachsen Forschung und Entwicklung, die Tischlerplatte ist zum Beispiel eine Erfindung aus Hellerau. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde aus den Werkstätten das VEB Möbelkombinat - Standort Hellerau, das Massenmöbel fertigte, aber auch Einrichtungen maßtischlerte - für die Semperoper oder das Leipziger Gewandhaus.1992 übernahm ein westdeutscher Pharma-Manager die Werkstätten und konzentrierte sich auf luxuriösen Innenausbau. Die Eon-Zentrale haben die Tischler kürzlich ausgestattet. Oder die Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin. Und Privatschiffe mit über 100 Metern Länge. "Das sind Yachten mit Hubschrauberlandeplätzen", sagt Reifferscheid, "oder eigenem U-Boot."Um sich von den Wettbewerbern abzusetzen, entwickelt DWH vieles selbst: Beschläge, die Schubladen durch Antippen öffnen und schließen, Verbundwerkstoffe, die stabil und elastisch wie Holz sind, auch so aussehen, aber aus Blähglas bestehen, damit sie nicht brennen. Den Werkstoff etwa hat Reifferscheid mit einer bayerischen Firma auf ihre Bedürfnisse optimiert.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick