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Unfallgefahr

Wenn das Unternehmen aus der Bahn geworfen wird

Teil 2: Negative Erfahrung zum Vorteil ummünzen

Tatsächlich kehrte Takeuchi nach kurzer Zeit zurück ins Unternehmen. Seine Ärzte hatten ihm sechs bis zwölf Monate Reha und Physiotherapie prognostiziert, bis er dazu in der Lage sein würde. Sechs Wochen hatte er sich vorgenommen – schon um die Kosten für die Behandlung gering zu halten. Nach sieben Wochen wurde er entlassen. "Nach dem Unfall haben mich sehr viele Menschen – besonders aus meinem geschäftlichen Umfeld sehr unterstützt", erzählt er. "Die Firma hat beispielsweise die Kosten für meine Reha übernommen."

Bei der Weihnachtsfeier des Unternehmens im Dezember 2016 stellte er sich zum ersten Mal seinen Mitarbeitern. Er wollte die alljährliche Weihnachtsansprache an das Team halten. Der Gedanke, sich derart verletzlich zu zeigen, habe ihm große Angst gemacht, wie er in einem Interview erzählte.

"Dieses Jahr freue ich mich richtig auf unsere Weihnachtsfeier", sagt Takeuchi ein Jahr später. "Ich bin auf einer Reise – es gibt Höhen und Tiefen. Es geht mir sehr viel besser als vergangenes Jahr, die Normalität kehrt zurück." Was nicht bedeute, dass es für ihn keine Tiefs mehr gäbe. "Ich hoffe sehr, dass sich meine Erfahrung für die Firma als Vorteil erweist. Aufgrund meiner Situation denke ich jetzt ganz anders darüber nach, wie es mit der Firma weitergehen soll, wie wir unsere Ziele erreichen wollen", sagt er.

Der SAP-Chef McDermott sagte zwei Jahre nach seinem Unfall in einem Interview mit dem dem US-Sender CNBC: "Mein Unfall hat mein Leben besser gemacht. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass eine Vision nicht nur das ist, was man tatsächlich sieht. Mein Unfall hat mir so viel Kraft gegeben, so viel Entschlossenheit und so viel Leidenschaft."

Der Hunger auf Erfolge ist ungebremst

Ganz so schwärmerisch spricht der Fintech-Gründer nicht von seiner Querschnittslähmung. Er sagt: "Ich habe lernen müssen, viel Verantwortung abzugeben und auf Hilfe angewiesen zu sein. Das hat natürlich auch dazu geführt, dass ich plötzlich meine Rolle als CEO überdenken musste." Er sei dennoch die dieselbe Person wie vor seinem Unfall. "Ich würde auch nicht sagen, dass ich jetzt anders führe, als früher, aber ich nehme die Welt natürlich jetzt aus einer ganz anderen Perspektive wahr, was sich sicherlich auf GoCardless auswirkt."

Man merkt ihm den Hunger auf weitere Erfolge seiner Firma an. "Für mich bedeutet Erfolg nicht nur, dass ich meine wirtschaftlichen Ziele erreiche, sondern dass ich eine Organisation habe, in der sich jeder entwickeln und so arbeiten kann, wie es zu ihm passt. In der sich die Mitarbeiter wohl fühlen und gerne daran teilhaben, eine Idee in die Tat umzusetzen." Auf sein Team sei er sehr stolz. Gerade wegen des Rückhalts, den er erfahren habe. Er sagt: "Niemand gründet ein Start-up, um reich zu werden. Für mich geht es auch hier wieder um die Reise, um die Entwicklung des Unternehmens, das Aufbauen und Gestalten, das Lernen. Dieses an seinen Aufgaben wachsen ist es, was mich fasziniert."

Was die angehe, sei er jetzt noch ungeduldiger, erzählt er. Die Vision habe sich nicht geändert, aber er wolle seine unternehmerischen Ziele jetzt so schnell wie möglich umsetzen. "Wir bearbeiten über drei Milliarden Euro pro Jahr für mehr als 30.000 Unternehmen in Europa – und wir wachsen schnell", sagt er. Er klingt stolz. Begonnen habe GoCardless vor allem mit kleinen Kunden, Vereinen und Organisationen. "Mittlerweile ist es großer Mix an Kunden, zu denen jetzt auch sehr viele Großunternehmen wie Thomas Cook oder Tripadvisor gehören." In Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Spanien sei das Unternehmen als Zahlungspartner bereits etabliert, weitere Länder folgen laufend – oder stehen auf Takeuchis to-do-Liste.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 22.12.2017

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