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In der digitalen Wirtschaft ist die Selbstorganisation vernetzter Mitarbeiter gefragt
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Kollektive Intelligenz

Vernetzte Teams machen den besseren Job

Julia Leendertse
Die Führungspyramide in Unternehmen wackelt. Denn in der digitalen Wirtschaft ist die Selbstorganisation vernetzter Mitarbeiter gefragt. Autohersteller, Banken und Stahlproduzenten experimentieren mit neuen Teamformen wie Squads und Tribes und testen die Schwarmintelligenz.
Achtung, Baustelle! Dieses Schild müsste derzeit an vielen Unternehmen der deutschen Wirtschaft hängen. Denn "alle Dax-Konzerne, alle Unternehmen mit nennenswerten eigenen IT-Abteilungen sowie Firmen, die digitale Geschäftsmodelle vorantreiben, experimentieren oder arbeiten mit agilen Managementansätzen", sagt Christopher Schorling. Er ist Partner der Strategieberatung Bain, die derzeit etliche Vorstände und Geschäftsführer dazu berät. Das Ziel des internen Umbaus: schneller, anpassungsfähiger und innovativer zu werden. Ein starker Hebel, von dem sich die meisten Chefs große Wirkung erhoffen: mehr Selbstorganisation der Mitarbeiter.

Bislang galten Führungsspitzen als so klug und erfahren, dass sie durch Strategie- und Zielvorgaben sowie kaskadierende Steuerung per "Kommando und Kontrolle" die gesamte Organisation auf Kurs halten können. Diese Führungspyramide, die deutsche Industrieunternehmen erfolgreich gemacht hat, soll nun abgetragen werden. Neue Ideen für digitale Produkte sollen aus der kollektiven Intelligenz sich selbst organisierender, vernetzter Mitarbeiter heraus entstehen.

Weniger Hierarchie, mehr Innovation 

Vom Autohersteller wie Daimler über Banken wie die niederländische ING bis hin zum Stahlproduzenten Klöckner: Die Digitalisierung bedeutet eine neue Ära in der Unternehmensführung. Mitarbeiter halten das für überfällig, glaubt man einer aktuellen Umfrage unter 14 000 Fach- und Führungskräften durch die Managementberatung Kienbaum und das Jobportal Stepstone. Zwei Drittel der Befragten arbeiten in Unternehmen, die hierarchisch organisiert sind, viele bewerten diese Struktur kritisch: 55 Prozent sind der Meinung, dass ihr Arbeitgeber für die Zukunft schlecht aufgestellt ist. Sechs von zehn Befragten glauben, dass der klassische Führungsstil, bei dem Entscheidungen auf den oberen Rängen getroffen und von den Untergebenen nur ausgeführt werden, den neuen Herausforderungen nicht gerecht wird "Oft sind diese Pyramiden aufgrund ihrer vielen Stufen durch lange Entscheidungswege geprägt", sagt Walter Jochmann, Geschäftsführer bei Kienbaum. Das meinen auch die befragten Fach- und Führungskräfte: Knapp 60 Prozent von ihnen sind der Ansicht, dass weniger Hierarchie mehr Innovation ermöglichen würde.  

Eine klare Zielsetzung ist wichtig

Ob neue Teamformen "Squads" oder "Schwarm" heißen, immer geht es darum, ihren Mitgliedern möglichst viel Freiraum zu bieten. Diese stammen aus unterschiedlichen Disziplinen, arbeiten aber gleichberechtigt zusammen und sind auf den Kundennutzen fokussiert. Die Geschäftsleitung und einige wenige Verantwortliche, die genauso wechseln wie die Teambesetzungen, geben weiterhin übergeordnete Strategie und Ziele vor. Wie diese erreicht und umgesetzt werden, bleibt den Teams überlassen. Ganz nach dem Motto: "Wer am vertrautesten mit der Materie ist, entscheidet." Denn den Irrtum, dass Führungskräfte wegen ihres Ranges mehr wissen als ihre Mitarbeiter, "kann sich kein Unternehmen mehr leisten", sagt Katharina Heuer, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP).

"Was in den Ohren vieler Manager wie Anarchie klingt, ist Voraussetzung für die agile Unternehmensorganisation", sagt Stephan Grabmeier, Vordenker der Haufe-Gruppe, eines mittelständischen Pioniers der Bewegung. Und DGFP-Chefin Katharina Heuer sagt: "Die richtige Balance zwischen selbstbestimmtem Arbeiten und stabilen Organisationsstrukturen zu finden ist eine der Aufgaben, vor der Unternehmen jetzt stehen." Die schwierigste Aufgabe sei es aber, bei den Führungskräften Lust am Kontrollverlust zu entfachen.

Personalberater Jochmann weiß: "Vielen, die sich in der Hierarchie eingerichtet haben, fällt es schwer, umzuschalten und Verantwortung abzugeben."

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