Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Manager präsentieren sich gerne als starke Macher
Foto: maxicam / Fotolia.com
Authentisches Management

Starke schwache Macher

Christine Weissenborn, wiwo.de
Nichts erfordert mehr Mut, als Schwäche zu zeigen. Doch gerade Manager präsentieren sich lieber als starke Macher. Ein Fehler.
Am Tag bevor Brené Brown ein Medienstar wird, sitzt sie mit ihrer Familie im Flieger. Weder weiß die 51-Jährige zu diesem Zeitpunkt von ihrem anstehenden Ruhm. Noch, was sie in ihrer Rede am nächsten Tag bei der Vortragsreihe "TED Talks", wo immerhin schon Microsoft-Gründer Bill Gates und Expräsident Bill Clinton gesprochen haben, eigentlich sagen will. Brown ist zu diesem Zeitpunkt zwar eine respektierte, aber nicht allzuweit über die Grenzen ihrer Disziplin hinaus bekannte Sozialwissenschaftlerin, die am Graduate College of Social Work der Universität Houston zum Themenkomplex Scham und Empathie forscht.

Nun soll sie über ihre Erkenntnisse sprechen. In der Luft fasst die Wissenschaftlerin einen Plan: Sie wird nicht über Schwäche als wissenschaftliches Sujet fachsimpeln. Sondern stattdessen ihre eigene Unzulänglichkeit, wie etwa ihren Perfektionismus, Ordnungswahn und falsch dosierten Ehrgeiz, zum Thema machen.

Ihre Vita beinhaltet auch einen Nervenzusammenbruch, über den sie sich lange nicht getraut hat zu sprechen. Ihr Mann hält sie für verrückt, das nun in aller Öffentlichkeit breitzutreten. Und auch Brown bereut ihren Mut zunächst. Nach ihrem Vortrag fährt sie nach Hause und schwört sich, so etwas nie wieder zu machen. Sie habe einen Kater vor lauter Verwundbarkeit gehabt, sagt sie später in einem Interview. Die Erfahrung, sich so angreifbar zu machen, sei schrecklich gewesen. Doch genau dieser Mut zur Wahrheit, zum humorvollen Umgang mit den eigenen Blessuren, hat dazu geführt, dass ihr TED Talk inzwischen zu den fünf erfolgreichsten aller Zeiten gehört und Brown zu einer Netz-Berühmtheit wurde.

Die Komfortzone verlassen und Risiken wagen

Mehr als 25 Millionen Nutzer klickten ihn bislang an, jedes der von Brown danach veröffentlichten Bücher war ein Bestseller. Brown ist der Beweis für eine altbekannte Weisheit: Nur wer es wagt, seine Komfortzone zu verlassen und zuzugeben, dass er nicht vollkommen ist, nur wer scheitert und wieder aufsteht, kann Großes erreichen. Wer hingegen Angst davor hat, für ein Geständnis ignoriert, verlacht oder abgelehnt zu werden, wird an Grenzen stoßen. "Scham lähmt", sagt Brown. Sie fühlt sich an wie "ein Knoten im Magen", wie "freier Fall", wie "nackt sein, während alle anderen angezogen sind". Und: Sie führt zu Angst. Angst davor das Risiko einzugehen, sich zu blamieren.

Doch ohne Risiken, auch das ist klar, sind Innovationen kaum möglich. Und diese sind in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung wichtiger denn je. Vor allem für eine Volkswirtschaft wie Deutschland, deren Wohlstand eben nicht auf immensen Rohstoffvorkommen, sondern auf klugen Köpfen beruht. Und dafür braucht es die viel beschworene Fehlerkultur.

Eine Fehlerkultur, die auf Verständnis beruht

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Untersuchung der Beratungsgesellschaft McKinsey aus dem Jahr 2014. Demnach gelingt es vor allem jenen Führungskräften, Mitarbeiter für sich und das Unternehmen zu gewinnen, ein kreatives Umfeld zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und zu inspirieren, die es schaffen, ihrer Mannschaft die Angst vor der Ungewissheit zu nehmen, und "Authentizität, Verständnis und ein echtes Interesse an ihrem Umfeld zeigen".

Ebenso hat eine Studie der Universität Michigan ergeben, dass Unternehmen, die im Fehlerfall eine Kultur der Vergebung leben, deutlich weniger anfällig sind für Krisen, weil die Mitarbeiter mit vollem Herzen bei der Sache sind. Doch gerade die, die in der Hierarchie oben stehen und solche Vorgänge des Miteinanders steuern, haben auf dem Weg dorthin oft den Mut verloren, sich selbst zuzulassen. Sie ziehen die Fassade der Wahrheit vor. Aus Angst vor Konkurrenz und Missgunst tricksen, tarnen und täuschen sie, egal, wie dick es kommt.

Vielen anderen geht es genauso

"Verwundbarkeit heißt Störbarkeit", erklärt Gerhard Blickle, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Bonn. Wer sich angreifbar macht, ist darauf angewiesen, dass andere diese Schwachpunkte nicht ausnutzen. "Diesen Aufwand scheuen die meisten", so Blickle. Wer sich traut, Schwäche zu zeigen, macht außerdem noch eine weitere wichtige Erfahrung: Vielen anderen geht es genauso.

Die verbindende Macht des Makels. "Langfristig mit sich und der Welt im Reinen sein kann man nur, wenn man lernt, es kurzfristig überhaupt nicht zu sein", sagt Brown rückblickend über ihren Seelen-Striptease. Dort oben zu stehen und den Panzer abzulegen war in diesem Moment schrecklich. Doch langfristig hat Brown dadurch gelernt, dass ihr Forschungsthema viel mehr Menschen berührt, als sie sich das jemals hätte träumen lassen. Und dass die Scham, die sie nach dem Auftritt verspürte, völlig unbegründet war. Statt Ablehnung bekam sie durch ihre Offenheit millionenfach geteilte Sympathie und Bewunderung.

JobAgent | FÜHRUNGSKRÄFTE

Gehälter