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Self-Awareness: sich auf das Wesentliche konzentrieren
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Neuer Erkenntnis-Trend

Konzentriert auf das Innerste

Teil 2: Pragmatische Techniken, kein Voodoo

Pragmatische Techniken, kein Voodoo

Der Softwarekonzern SAP bietet seinen Mitarbeitern dabei sogar Hilfestellung an. Verantwortlich dafür ist Peter Bostelmann. Er arbeitet für SAP im Silicon Valley und trägt den eigenwilligen Titel Director Global Mindfulness Practice. Er hat firmeneigene Workshops in Achtsamkeit konzipiert, die 2017 mehr als 6000 SAP-Mitarbeiter absolviert haben. Unter Achtsamkeit versteht er, die eigenen Gedanken gezielt zu lenken. "Mit unseren Trainings fördern wir die Aufmerksamkeit und die Selbstwahrnehmung unserer Mitarbeiter", sagt Bostelmann. In der Realität sieht das so aus: Eine Gruppe von SAP-Angestellten versammelt sich, um gemeinsam, schweigend und mit geschlossenen Augen Bostelmanns Stimme zu lauschen. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf den Atem – immer wenn die Gedanken der Achtsamkeits-Schüler abdriften, sollen sie sich darauf zurückbesinnen.

"Es handelt sich hier nicht um esoterisches, spirituelles Voodoo", sagt Bostelmann. Die Techniken seien pragmatisch und hilfreich. Sie führten dazu, dass man der eigenen emotionalen Reaktionen auf bestimmte Reize schneller gewahr werde. Nur dann habe man die Möglichkeit, sie auch im Moment der Reaktion zu hinterfragen, statt ihnen automatisch zu folgen.

Solche Automatismen hat auch ProGlove-Gründer Thomas Kirchner an sich entdeckt. Zum Beispiel hat er früher aus Unsicherheit oft sehr defensiv auf Kritik reagiert, aus Angst, er sei nicht gut in dem, was er tue. Beobachtet er eine ähnliche Reaktion heute bei einem Mitarbeiter, den er gerade kritisiert hat, hat er daher viel mehr Verständnis. Diese Erkenntnisse gewinnt er nicht nur beim Meditieren, sondern auch, wenn er seiner Mitbewohnerin Lotte am Küchentisch von seinem Tag erzählt. Dann fällt ihm manchmal auf, dass er besonders lange von etwas berichtet, das ihm gar nicht so wichtig erschien. Alleine die Tatsache, dass er zehn Minuten über einen Vorfall spricht, beweist ihm aber das Gegenteil.

Gute Selbstwahrnehmung der Mitarbeiter macht Unternehmen profitabel

Diese Sensibilität ist ihm auch bei seinen rund 70 Mitarbeitern wichtig. Vor Feedback-Gesprächen mit einem bestimmten Angestellten sollen deshalb direkte Kollegen einen Fragebogen zu dessen Arbeitsweise ausfüllen. Im Gespräch wird dann als Erstes Fremd- mit Selbstwahrnehmung verglichen – weichen sie stark voneinander ab, versucht man, die Ursachen dafür zu finden.

Wie aussagekräftig dieser Vergleich ist und wie wichtig er für Unternehmen sein kann, zeigt eine Studie der Personalberatung Korn Ferry. Eine Stichprobe, in der 6977 Mitarbeiter in 486 Unternehmen ihre eigenen Fähigkeiten bewerten sollten, verglichen die Autoren mit der Bewertung der gleichen Mitarbeiter durch Kollegen. Erkannte ein Mitarbeiter eine Stärke, wo Kollegen eine Schwäche sahen, nannten die Forscher das einen blinden Fleck. Die Häufigkeit dieser Flecken in einem Unternehmen setzten sie dann ins Verhältnis zu dessen Rendite. Das Ergebnis: Firmen mit einer geringen Zahl blinder Flecken – und damit einem hohen Anteil an Mitarbeitern mit guter Selbstwahrnehmung – waren im beobachteten Zeitraum profitabler als Firmen mit vielen blinden Flecken.

Für Hans Langer ist das Grund genug, die Zahl der blinden Flecken in seinem Unternehmen möglichst klein zu halten. Der CEO des 3-D-Druck-Unternehmens EOS Group sagt, er sei es als Physiker sowieso gewohnt, sich stark mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Dabei schreckt er auch vor ganz grundlegenden Fragen nicht zurück: Was ist meine Berufung? Was ist für mich wichtig? Warum tue ich das, was ich tue? Und deshalb kennt er mittlerweile auch seine Stärken und Schwächen: "Ich bin als Gründer eher Visionär", sagt Langer, "Ich umgebe mich daher mit einem Team, das mich bei der Umsetzung unterstützt."

Zu viel Grübeln kann auch schaden

Seitdem er weiß, dass ihm das Hinterfragen der eigenen Fähigkeiten und der eigenen Motivation wertvolle Einsichten bescheren kann, verlangt er das auch von seinen Mitarbeitern: "Bei unseren Führungskräften bestehe ich darauf, dass sie sich mit diesen Fragen befasst haben", so Langer, "Das Gleiche erwarte ich auch von den Gründern der Start-ups, in die wir als Gruppe investieren."

Wegen ihrer vielen Vorzüge feiern die Verfechter der Self-Awareness die grenzenlose Selbstbespiegelung. Doch wer lange genug sucht, gräbt in den Tiefen des eigenen Bewusstseins zwangsläufig auch Dinge aus, die nicht unbedingt weiterhelfen. In einer Studie aus dem Jahr 2015 fanden Forscher um Anna Sutton von der Manchester-Metropolitan-Universität zwar heraus, dass eine bessere Selbstwahrnehmung mit individuellem Wohlbefinden und verbessertem Miteinander mit Kollegen einhergeht.

Allerdings berichteten ein paar der 88 Studienteilnehmer nach einem Selbstwahrnehmungsworkshop auch von negativen Effekten. Ein Teilnehmer fühlte sich etwa besonders verletzlich und war demnach bei der Arbeit wenig effektiv. Zu sehr ins Grübeln sollte man auf dem Weg zur Selbsterkenntnis also nicht geraten.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 02.02.2018

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