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Beim Chef spüren wir schnell, wenn etwas nicht stimmt
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Emotionale Führung

Kein Raum für schlechte Stimmung

Teil 2: Vernunft gepaart mit Emotion

Ganz schön anstrengend, schlechte Laune einfach auszuschalten?

Es kommt auf den Menschen an. Manchen gelingt das sehr leicht, was man diesen Menschen meist auch ansieht – sie lachen mehr, wirken relaxt und man fühlt sich in ihrer Gegenwart schnell wohl und entspannt.

Andere wiederum haben sich über Jahre antrainiert, ihrer schlechten Laune voll Raum zu geben und sie sogar nach künstlich aufrecht zu erhalten. Sie tendieren dann auch gerne dazu, andere für ihre schlechte Laune verantwortlich zu machen und geben somit leider auch die Steuerung über ihren Zustand ab. Je stärker dieses Verhalten trainiert ist, umso mehr Übung braucht es um flexibler zu werden und vor allem auch disziplinierter im Umgang mit den eigenen Stimmungen und Gefühlsmomenten.

Geht es hier um Vernunft gegen Emotion?

Nein, im Gegenteil. Vernunft gepaart mit Emotion.

Sollten launische Menschen auf das Führen von Personal dann lieber verzichten?


Besser wär's. Oder sie arbeiten hart an sich, holen sich regelmäßig Feedback ein und lernen vor allem sich zu entschuldigen. Natürlich gibt es auch sehr kapriziöse Chefs, denen man mehr verzeiht, weil sie dafür einen anderen Spirit dazu bringen – zum Beispiel eine ausgeprägte Kreativität oder wirklichen Gründergeist. Man denke da nur an Leute wie Elon Musk oder Steve Jobs. Wahrlich keine einfachen Chefs, dafür haben die dann eine Menge anderes zu bieten, dass man das Getue auch in Kauf nimmt.

Angenommen, ich sei Chef und mein Mann hat mich gerade verlassen. Wie soll ich da noch gute Laune auf der Arbeit versprühen?

Gar nicht. Vor den großen Krisen im Leben sind wir alle nicht gefeit und dass die uns dann aus der Bahn werfen, ist auch verständlich. In so einem Fall gilt es aber, Entwarnung zu geben und das Team zu informieren, dass es einem gerade nicht gut geht und dass dies nichts mit dem Team zu tun hat. Ich empfehle sogar, zumindest dem Inner Circle zu sagen, was wirklich los ist und damit transparent zu sein. Manche Führungskräfte rümpfen bei diesem Tipp zwar die Nase, und natürlich ist es jedem selbst überlassen, wie weit er sich öffnet. Aber zu schweigen ist die schlechtere Option.

Ich hatte vor kurzem eine Betriebsleiterin im Coaching, die sich über die sinkende Performance ihres Teams den Kopf zerbrach. Ich musste nicht lange nachhaken, um festzustellen, dass ihre Mutter, die 200 Kilometer weit weg wohnte, einen Schlaganfall hatte. So fuhr die Betriebsleiterin jeden Tag zu ihrer Mutter und war in großer Sorge. Müde und abgekämpft erschien sie drei Monate lang in ihrem Betrieb, ohne irgendjemanden auch nur annähernd zu informieren. Sie meinte, das wäre privat und ginge niemanden was an – so ihre Vorstellung vom "Chef sein".

Das Team merkte natürlich sehr schnell, dass da was im Busch war. Und so füllten sie das Informationsvakuum mit wilden Geschichten, die bis hin zum Verkauf des Unternehmens reichten. Man stelle sich vor: Das ganze Team war nur noch mit Gerüchten und sich Sorgen machen beschäftigt. Als die Betriebsleiterin nach dem Coaching die Geschichte auflöste und ihr Team informierte, gab es zwei Effekte: Sie selbst fühlte sich plötzlich befreit, weil sie nicht mehr so tun musste, als wäre alles in Ordnung (was sowieso nicht funktioniert. So blöd sind Mitarbeiter nicht). Und: Die Performance erreichte einen Peak. Alle wollten ihr helfen, damit sie sich auf die Mutter konzentrieren konnte und packten mit voller Kraft ihre Aufgaben an.

Welche drei Tipps können Sie geben, wie man als Chef morgens gegen gute Laune ankämpfen kann?

Am besten denken sie sich direkt bei Aufstehen: 'Was für ein Scheisstag schon wieder!' und streiten sich direkt mit ihren Lieben. Im Anschluss machen Sie sich auf den Weg zur Arbeit und stellen sich eindringlich die Frage: "War das jetzt schon alles in meinem Leben?". Dazu hören sie zeitgleich Nachrichten im Radio, damit der vermeintliche Zustand der Welt sie dann noch in Weltuntergangsstimmung versetzt. Und dann sehen sie auf dem Firmenparkplatz nach, wer den besten Parkplatz hat und fragen sich mit nach unten gezogenen Mundwinkeln, wie der das überhaupt verdient hat. Übrigens auch, wenn es ihr eigener Parkplatz ist.

Wie kann man intelligent vorgehen, wenn man merkt, dass der Chef mies gelaunt ist?

Sich innerlich abgrenzen und sich klar machen: Das ist seine Laune, sein Leben, was hat das mit mir zu tun? Sich dazu ein schönes Getränk machen und vielleicht dazwischen mal auf die Toilette gehen um sich mit dem Ipod heimlich seinen Lieblings-Gute-Laune-Song reinziehen. Am besten dazu tanzen. Und sich vorrechnen, wann die Laune des Chefs vorbei ist, das Verhalten folgt ja einem gewissen Muster. Vor allem aber sollte man die Laune nicht ernst nehmen oder auf sich beziehen und locker bleiben. Schlecht gelaunt ist jeder dann und wann mal. Da kann man ein Auge auch mal für den Chef zudrücken. Sollte das allerdings öfter passieren, sollten sie sich allerdings fragen, warum sie das immer noch aushalten und schnellstmöglich das Weite suchen. Denn auf Dauer sind solche Chefs wirklich schädlich für das eigene Wohlbefinden.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 18.09.2017

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