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Flexible Arbeitszeiten: Zwischen Wunsch und Realität
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Übergroßes Pflichtgefühl

Kaum Chancen auf Wunscharbeitszeit

Kerstin Dämon, wiwo.de
Aus Pflichtbewusstsein arbeitet der Durchschnittsdeutsche auch, wenn er krank ist. Irgendwer muss die Arbeit ja erledigen. Dabei wollen die Deutschen eigentlich anders arbeiten.
Arbeit ist kein Wunschkonzert. Trotzdem hat die Personalberatung SThree bei mehr als 1100 berufstätigen Deutschen nachgefragt, wie sie gerne arbeiten würden. Und wie sie tatsächlich arbeiten. Wenig überraschend klafft eine Lücke zwischen Wunsch und Realität. So würden sich 73 Prozent der Befragten gerne frei einteilen, wann und so sie arbeiten: nachts, am Wochenende, von neun bis fünf. Doch nur 34 Prozent können tatsächlich frei über ihre Arbeitszeit verfügen. Bei allen anderen bestimmen Chef und Stechuhr, wer wann wo wie viel arbeitet.

Präsenzkultur ist nach wie vor angesagt

"Letztlich muss natürlich immer abgewogen werden, in welchen Branchen und Tätigkeiten eine zu hundertprozentig flexible Arbeitszeit sinnvoll und realisierbar ist", räumt Luuk Houtepen, Director Business Development bei SThree ein. Ein Unfallchirurg sollte im OP stehen, wenn er da gebraucht wird und nicht, wann es ihm am besten passt. Aber gerade bei Bürojobs wäre mehr Flexibilität möglich.

Gleiches gilt für das Arbeiten im Home-Office, was sich 39 Prozent wünschen. Tatsächlich nutzen können allerdings nur zwölf Prozent diese Möglichkeit. "Die Wunscharbeitswelt der Menschen in Deutschland verdeutlicht: Immer weniger haben Lust auf eine Präsenzkultur", interpretiert Houtepen die Umfrageergebnisse.

Tatsächlich ist aber noch Präsenzkultur angesagt – und die auch über das vertraglich Vereinbarte hinausgehend. "Für 53 Prozent aller Befragten ist es selbstverständlich, Überstunden – respektive Extrastunden bei Freiberuflern – zu leisten, um alle Projekte zu erledigen", so Houtepen. Auch wenn es bei der Arbeit mal ruhiger zugeht, suchen sich 65 Prozent weitere Aufgaben und 20 Prozent fordern von ihren Vorgesetzten zusätzliche ein.

Selbst bei Krankheit wird gearbeitet

Selbst wenn die Befragten krank sind, kommen sie zur Arbeit. Ganze 71 Prozent schleppen sich mit einer Erkältung, Rückenschmerzen oder sonstigen Krankheiten ins Büro, beziehungsweise bleiben im Home-Office, um die Kollegen nicht anzustecken. Denn dass sie das tun würden, ist den Befragten bewusst.

Für die Anerkennung des Vorgesetzten tun sich die Befragten den Stress übrigens nicht an. Jedenfalls sagen 72 Prozent, dass es für dessen Anerkennung nicht wichtig sei, auch im Krankheitsfall zu arbeiten. Tatsächlich schleppt sich ein Großteil krank zur Arbeit, weil er befürchtet, dass die Aufgaben sonst liegenbleiben und zeitlich nicht zu schaffen wären. Dabei sind sich die Berufstätigen bewusst, dass sie nicht nur ihre Kollegen anstecken und länger brauchen, bis sie wieder ganz gesund sind. Sie wissen auch, dass sie krank weniger leisten.

Hier sind im Zweifelsfall die Chefs gefragt, die die Bazillenschleuder mit dem übergroßen Pflichtbewusstsein wieder nach Hause schickt. Bevor nachher die ganze Abteilung schnieft.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 16.08.2017

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