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Inspiration vom CEO
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CEO-Erfolgsrezepte

Inspirationen von Zuckerberg, Bezos & Co

Lin Freitag und Kristin Schmidt | wiwo.de
Wer als Manager etwas auf sich hält, verbreitet seine Weisheiten neuerdings in Form von Hirtenbriefen. Zehn Lebenslektionen von internationalen Topmanagern.
Jeff, wie sieht Tag zwei aus? Mit diesen Worten beginnt der Brief, den der Amazon-Gründer kürzlich an seine Aktionäre richtete. Selten haben zwei DIN-A4-Seiten solch eine globale Resonanz erzeugt.

In dem Anschreiben listet Bezos seine persönlichen Erfolgsrezepte auf: sich wie besessen am Kunden zu orientieren; Entscheidungen zu treffen, die er persönlich für Unsinn hält; und eben jenen zweiten Tag zu vermeiden. Stattdessen müsse der Geist des ersten Tages stets lebendig bleiben, sonst sterbe das Unternehmen.

Aber warum teilt Bezos seine geheimen Erfolgsformeln mit der ganzen Welt? Ist er etwa doch nicht der knallharte Unternehmer, den der Weltkongress des Internationalen Gewerkschaftsbundes im Jahr 2014 zum "schlimmsten Chef des Planeten" wählte, weil er Mitarbeiter überwachen, ausnutzen und beleidigen soll – sondern ein missverstandener Philanthrop? Experten glauben vielmehr: Er hat keine andere Wahl.

Information ist Macht

Seit dem Börsengang im Jahr 1997 verkauft Bezos vor allem Visionen. Er skizziert gerne Ideen, mit denen er vielleicht irgendwann Geld verdienen wird, aber zunächst mal verschwenden muss. Bezos brauchte Investoren, die jahrelange Verluste akzeptierten. "Deshalb informiert er die Aktionäre in aller Klarheit über Erfolge, Misserfolge – und deren Lektionen", sagt Christopher Storck, Dozent für Strategie und Kommunikationsmanagement an der Quadriga Hochschule Berlin. Philosophische Weisheiten als Kompensation für fehlenden betriebswirtschaftlichen Erfolg? Möglich. Sicher jedoch ist Bezos damit nicht allein.

Spätestens seit Steve Jobs’ legendärer Rede vor Stanford-Absolventen im Jahr 2005 ("stay hungry, stay foolish") gilt: Wer als Manager etwas auf sich hält, verbreitet seine (Lebens-)Führungsweisheiten gerne möglichst öffentlich. Konzernchefs und Gründer wenden sich wie in einem modernen Hirtenbrief an ihre Anhänger, Aktionäre und Angestellten.

Der CEO als moderner Prophet

Neben Facebook-Chef Mark Zuckerberg, Autovisionär Elon Musk, IBM-Chefin Virginia Rometty etwa auch Ray Dalio, einer der erfolgreichsten Hedgefondsmanager der Welt.

Nicht immer nutzen sie dafür einen Brief, manche schreiben gleich ein ganzes Buch. Zum Beispiel Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer von Facebook. Sie veröffentlichte vor wenigen Tagen schon ihr zweites Werk. In "Option B" widmet sie sich mit ihrem Co-Autor Adam Grant, Professor an der Wharton School, dem Thema Resilienz – jener seelischen Kraft, aus Krisen und Schicksalsschlägen das Beste zu machen, daraus zu lernen und erst durch die Leiderfahrung über sich selbst hinauszuwachsen.

Niemand könnte das glaubwürdiger beschreiben als Sandberg selbst. Ihr Ehemann Dave Goldberg kam im Mai 2015 bei einem Sportunfall ums Leben.

Inspiration als Lockmittel für Bewerber

So tragisch der Anlass, so nützlich ist das Instrument. Unternehmer sind nicht zufällig gute Geschichtenerzähler. Sie können sich dadurch von ihrer charakterlichen Schokoladenseite zeigen. Seht her, so die Botschaft, ich interessiere mich nicht nur für das Tagesgeschäft, sondern möchte ein intellektuelles Vermächtnis hinterlassen. Das dient nicht nur der Imagepflege, sondern ist gleichzeitig ein kostenloses Lockmittel für Bewerber. Denn die wollen heute nicht nur honoriert, sondern auch inspiriert werden.

Wie praktisch, dass die neuen Propheten ihre weisen Worte mit einem Klick der ganzen Welt übermitteln können. Topmanager hierzulande nutzen diese Instrumente bislang selten. Schade eigentlich. Auch für deutsche CEOs könnte es sich lohnen, die kommunikative Zurückhaltung abzulegen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 03.05.2017

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