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Mitarbeitende wollen sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren.
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Gelungene Mitarbeiterbindung

"Begeisterung setzt Energie frei"

Kristin Schmidt, wiwo.de
Ein guter Manager sei verlässlich, integer, übernehme Verantwortung – und die Mitarbeiter ernst. Dieser Typ sei aber selten, sagt die ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Margot Käßmann. Die Folge: Angestellte verlieren das Vertrauen.
Frau Käßmann, Sie plädieren für mehr christliche Werte in der Arbeitswelt. Wie passt diese Forderung zu einer Wirtschaft, in der es immer noch Niedrigverdiener gibt und Müttern die Rückkehr in Vollzeit verwehrt wird?

Margot Käßmann: Das sind Herausforderungen, die bislang gar nicht oder unzureichend angegangen worden sind. Natürlich sollte jeder Mensch ein Einkommen haben, von dem er leben kann. Und auch bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist noch einiges zu tun. Aber die Wirtschaft ist ja kein freischwebendes Gebilde. Nur die Menschen, die dahinter stehen, können die Bedingungen ändern.

Die Manager müssen also Nächstenliebe lernen?

Ja, aber das ist gar nicht einfach. Denn Nächstenliebe umfasst nach dem christlichen Verständnis die Liebe zu Gott, zu sich selbst und eben zu dem Nächsten. Aber viele Manager haben meiner Meinung nach das Problem, dass Sie nicht mal sich selbst lieben. Sie müssen aber ganz bei sich sein, um anderen Respekt entgegenzubringen.

Und viele Manager sind ferngesteuert, weil sie nur den Profit und die Dividendenzahlung für ihre Anleger im Kopf haben?

Genau. Dabei liegt es an ihnen, dem Gewinnstreben um jeden Preis Grenzen zu setzen. Denn unendliches Wachstum, ohne dass dabei jemand auf der Strecke bleibt, gibt es nicht.

Glauben Sie, dass diese moralischen Ansprüche in den nächsten Jahren mehr Gehör finden?

Ja, da bin ich optimistisch. Wir beobachten in den vergangenen Jahren eine neue Nachdenklichkeit. Die Shell-Jugendstudie etwa zeigt, dass die junge Generation sich von materiellen Werten entfernt. Dinge, die den jungen Leuten wichtig sind, sind nicht käuflich. Es geht um Familie, Freunde und Freiheit.

Bis diese Generation in den Chefetagen sitzt, dauert es noch etwas. Wie müssten sich heutige Manager präsentieren, um den Wandel auf den Weg zu bringen?

Der Schlüssel sind die drei Vs: Vertrauen, Verlässlichkeit, Verantwortung. Davon gab es in den vergangenen Jahren zu wenig in deutschen Unternehmen. Den ehrbaren Kaufmann gibt es immer seltener. Deshalb haben die Menschen den Respekt vor den wirtschaftlichen Eliten verloren. Sie misstrauen ihnen, weil sie für Korruption und Machtbesessenheit stehen.

Sehen Sie selbst das auch so?

Macht ist nicht per se anrüchig, aber wir brauchen mehr Transparenz. Wenn der Mitarbeiter oder die Bürgerin nicht mehr nachvollziehen kann, wer was mit welchem Ziel tut und dann auch die Verantwortung trägt, kann kein Vertrauen entstehen.

Geben Sie dazu ein Beispiel?

Volkswagen. Wer hat denn da jemals Verantwortung übernommen? Herr Piëch? Herr Winterkorn? Es ist enttäuschend, dass diese Werteorientierung noch nicht in den Chefetagen angekommen ist. Das tut mir vor allem für die Mitarbeiter leid, die sich bis zum Abgasskandal ja sehr stark mit VW identifiziert haben.

Hat sich das Ansehen von VW tatsächlich so deutlich verschlechtert?

VW gilt unter Studenten immer noch als extrem beliebter Arbeitgeber und bleibt trotz Absatzeinbrüchen weiterhin Marktführer. Eigentlich müsste es allen Beteiligten noch mehr schmerzen, weil sich das Ansehen eines Unternehmens ja auch an seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bemisst. Und die hat VW sicherlich nicht angemessen erfüllt. Im Übrigen genauso wenig wie die Banken in der Finanzkrise.

Inwiefern ist es für Mitarbeiter wichtig, dass die eigenen Werte mit denen des Arbeitgebers übereinstimmen?


Mitarbeitende wollen sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren. Dann sind sie belastbarer und arbeiten kreativer. Begeisterung setzt Energie frei.

Was sollten Mitarbeiter tun, die bemerken, dass ihre Überzeugungen nicht im Einklang mit ihrer Arbeit stehen?


Natürlich ist der Mitarbeiter immer in der schwächeren Position. Aber er kann versuchen sich einzubringen für Veränderungen. Denn wenn er Missstände über Jahre einfach hinnimmt, kann ihn das sehr unglücklich machen. Wir sind bei der Arbeit ja immer noch Menschen mit Werten und Überzeugungen. Das können wir nicht abstellen.

Wie können sich die Mitarbeiter einbringen?

Wir haben in Deutschland Betriebsräte und Gewerkschaften. In den Jahresgesprächen können sie ihrem Chef sagen, was sie gerne ändern würden und was sie stört.

Der Chef ist in der stärkeren Position. Er kann die Wünsche und Anmerkungen seiner Mitarbeiter im Zweifel einfach ignorieren.

Die Führungskräfte täten gut daran, ihre Mitarbeiter ernst zu nehmen. Denn schließlich lebt ein Unternehmen von engagierten Mitarbeitern und nicht von Dividenden. Außerdem beschädigt er das Image, wenn durchsickert, dass die glanzvolle Außendarstellung und das Innenleben eines Unternehmens nicht zusammenpassen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 19.07.2017

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