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Arbeitsmarkt

Logistik: Karriere in der Container-Welt

V. Boenisch, R. Helmling, A. Hansen
Kaum eine Branche wächst so stark wie die Logistik. Und kaum eine sucht so dringend gute Leute. Es locken vielfältige Jobs und beste Perspektiven.
Der Hamburger Hafen: Logistikstandort und Tor zur WeltFoto: © Hardy Haenel
Anpacken, einpacken, auspacken. Auf den ersten Blick ist Logistik für viele nur der LKW, der auf der Autobahn wieder die Überholspur blockiert, oder der Paketbote mit der 24-Stunden-Buchbestellung. Lagern und liefern halt. Von den komplexen Prozessen dahinter weiß kaum einer was - was ja auch ein Zeichen erfolgreicher Logistik ist. Wer sein Wunschprodukt pünktlich und zuverlässig erhält, ob Postpaket nach Hause, Butter im Supermarktregal oder Fünftürer mit Sonderausstattung im Autosalon, der interessiert sich nicht für die Arbeit im Hintergrund. - Es sei denn, er sucht einen Job mit besten Zukunftschancen.Logistik ist überall. Das ist eine so einfache wie weit reichende Wahrheit. Bevor etwa der neue Bestseller vom Online-Buchhändler versandt werden kann, haben zig Logistiker ihre Finger mit im Spiel: von der Kalkulation des weltweiten Papierbedarfs beim Holzanbau über die Organisation von Druckerei-Kapazitäten bis hin zur Planung von Lagerhallen und Vertriebswegen beim Verlag. Schon dieses, vermeintlich banale Beispiel zeigt, welcher logistische Rattenschwanz aus unterschiedlichen Jobs hinter Waren und Dienstleistungen steckt. Logistik, das ist die Aufgabe, die richtigen Komponenten zur richtigen Zeit am richtigen Platz zu haben. Vor allem in der Industrie. Daher gilt auch die Faustregel: Ein Prozent Wachstum der Weltwirtschaft bringt drei Prozent Wachstum bei der Logistik.

Die besten Jobs von allen

Die Folge: Logistik boomt. In den vergangenen Jahren ist der Umsatz der deutschen Logistikbranche um satte sieben Prozent gestiegen. Auch dieses Jahr soll das nach Schätzungen der Fraunhofer Gesellschaft so sein. Ob DHL, Schenker, Lufthansa, Kühne & Nagel, Duisburger oder Hamburger Hafen: Deutsche Logistiker sind international erfolgreich. Rund 210 Milliarden Euro setzte die Branche hierzulande 2007 um. Ein Rekordergebnis. Platz eins in Europa. Das hat zwar zur Hälfte mit Preissteigerungen, etwa bei Diesel und Maut, zu tun; das Wachstum des Reingewinns ist also geringer. Aber dennoch zeigt die Kurve auch dort weiter nach oben. Und: In kaum einer Branche werden so händeringend gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte gesucht.Zu wenige AkademikerZurzeit arbeiten in Deutschland bei den rund 60000 Logistik-Unternehmen 2,7 Millionenen Menschen. Nach Angaben der Bundesvereinigung Logistik (BVL) ist fast jeder Sechste davon Akademiker. Zu wenige, findet Peter Klaus von der Fraunhofer Gesellschaft: "Bei den Speditionen sind Akademiker traditionell wenig vertreten. Da gibt es großen Nachholbedarf." Die BVL meint, dass in der deutschen Logistik jedes Jahr mindestens 12000 neue Akademiker gebraucht würden. "Dabei reicht die Zahl derer, die von Hochschulen kommen oder von Firmen nachqualifiziert werden, bei weitem nicht", so BVL-Geschäftsführer Thomas Wimmer. "Wir haben eine Unterversorgung von 3000 bis 4000 Akademikern jährlich. Selbst ohne Wachstum!" Was für die Unternehmen kritisch wird, ist für Absolventen optimal.Karsten Wenzel ist einer von ihnen. Um seine Zukunft braucht sich der 35-Jährige wohl keine Sorgen zu machen, wenn er im Herbst die FH Münster mit dem Logistik-Master verlässt. Sein Professor Franz Vallée wirbt: "Es gab bei uns noch keinen Absolventen, der nicht vor Ende des Studiums mindestens ein Jobangebot hatte." Karsten Wenzel bestätigt: "Die Firmen treten sogar mit Angeboten an den Lehrstuhl heran." Am liebsten würde er in der Logistik-Beratung arbeiten, etwa für Distribution oder Verkehrslogistik. Schon im Ingenieurs-Studium hat er sich auf Raumplanung spezialisiert, danach in der Stadtverwaltung im Verkehr gearbeitet. "Man wird kreativ gefordert und kann immer wieder seinen Horizont erweitern."Wenzel ist so was wie der deutsche Vorzeige-Logistikstudent. Er gewann den größten Wissenswettbewerb für Logistikstudenten "Logistik Masters". In der Gesamtwertung siegte zum zweiten Mal die Uni Duisburg-Essen, die damit beste Logistik-Hochschule ist. Es gibt mittlerweile mehr als zweihundert Hochschulen, die Logistik-Studiengänge anbieten. Peter Klaus, selbst Professor an der Uni Erlangen-Nürnberg, spricht von einer "Explosion", warnt aber: "Viele der neuen Lehrangebote sehen wie hastig zusammengeschustert aus. Wo bloß ein Professor die Logistik betreut, kann keine umfassende Ausbildung erwartet werden."Die Master-Studiengänge "Logistik Management" und "Technische Logistik" an der Uni Duisburg-Essen sind interdisziplinär angelegt, verbinden etwa gezielt Wirtschaftswissenschaften und Ingenieursstudium. Ein Schwerpunkt ist die enge, praxisnahe Zusammenarbeit mit Unternehmen. Auch bei der FH Münster. Kürzlich haben die Studenten hier die Logistik von Esprit organisiert: von der Produktion in Fernost bis zur filialgerechten Kommissionierung hier. Studiengangsleiter Vallée: "Früher gab es nur eine Winter- und eine Sommerkollektion. Heute sind wir schon bei zwölf, und in Zukunft werden es sogar 24 sein. Alle zwei Wochen wird dann in den Läden nahezu die komplette Kollektion getauscht - das verlangt logistische Perfektion." Der Studiengang in Münster ist von vier Unternehmen gestiftet; die zwanzig Studenten sind quasi handverlesen. "Man muss vor allem spannende Ideen mitbringen", so Vallée, "wir haben auch schon Leute mit Notendurchschnitt 1,4 abgelehnt und mit 2,4 genommen."

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