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Berufsbilder

Literaturagenten: Bodenständige Schöngeister

Liane Borghardt
Sie brauchen Einfühlungsvermögen und Verhandlungsstärke, ein Gespür für schnelle Trends und einen langen Atem. Literaturagenten müssen multiple Personen sein, um sich im harten Buchgeschäft zu behaupten.
Um Bücker kreist die Arbeit der LiteraturagentenFoto: © Olena Kucherenko - Fotolia.com
Ihr jüngstes Baby liegt mitten auf dem Schreibtisch. Hübsch eingebunden, mit buntem Bändchen. Ein gelungenes Werk. Es heißt "Der kleine Herr Jacobi". "Hier stimmt alles", sagt Heinke Hager lächelnd. An ihrem Arbeitsplatz im lichten Berliner Altbau hat sie die Neuerscheinung aus dem Piper Verlag immer im Blick. Zur Erinnerung daran, dass sich ihre 60-Stunden-Wochen lohnen. Für Tage, an denen ihr Job für "emotionale Ausschläge" sorgt, wie Heinke Hager diplomatisch formuliert. Etwa wenn sich Vertragsverhandlungen mit einem Verlag wie Kaugummi ziehen. Oder die Schriftstellerin mitteilt, dass sich der Erscheinungstermin ihres Romans wegen akuter Liebesnöte auf unbestimmt verschiebt. Als Literaturagentin und mittlerweile Co-Geschäftsführerin bei Graf&Graf in Berlin managt Heinke Hager deutsche Autoren, vermittelt zwischen den Künstlern im Kämmerlein und den Kaufleuten im Verlag. Kein einfacher Job.Junger, alter Beruf

Die besten Jobs von allen

Heinke Hager ist Profi, keine Frage. Dezente Kleidung, Perlenohrringe - repräsentativ wie das Charlottenburger Büro mit Möbelklassikern, meterlangen Bücherregalen und moderner Kunst an den Wänden. "Autoren und Verleger sollen sich hier wohl fühlen", sagt Heinke Hager, die die Szene bestens kennt: Praktika bei Rowohlt und Babel Verlag, nach dem Germanistik- und Filmstudium Einstieg beim Agentur-Startup Graf& Graf. Mit 37 Jahren ist Hager ein Jahrzehnt im Geschäft, quasi seit der ersten Stunde.Gründerin Karin Graf gehörte zu den Pionieren, die sich als Schrifstellervertretung selbstständig machten. In Deutschland ist Literaturagent ein wiederbelebter Beruf. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Branche am Boden, Exilanten setzten ihre Karriere in England oder den USA fort. Erst Mitte der 90er Jahre riefen Konzentrationen im Verlagswesen und betriebsbedingte Verschlankungen von Lektoraten den Berufsstand wieder auf den Plan. Vergessen die anfängliche Panik der Büchermacher vor gierigen Bestseller-Jägern, die sich zwischen Verleger und Autor drängen und Schriftsteller zu der Adresse schleppen, wo der größte Vorschuss winkt. "Ein guter Agent weiß, was in unser Programm passt und dass es auf Kontinuität ankommt", sagt Dagmar Fretter von der Frankfurter Verlagsanstalt. Schließlich saßen viele Agenten einst in heute ausgedünnten Lektoraten.Die neuen deutschen Literaturagenturen nennen sich schlicht Graf&Graf, Eggers&Landwehr oder Keil&Keil und deuten so an, dass es sich um kleine, exklusive Betriebe handelt. Um die 200 solcher Büros sind in den letzten Jahren aus dem Boden gesprossen, doch nur eine Hand voll vertritt die literarischen Größen des Landes.Graf&Graf hat es mit Autoren wie Karin Duve oder Ingo Schulze zu Renommee gebracht, drei Agentinnen betreuen hier hundert Schriftsteller. 80 Prozent der Manuskripte, die Graf&Graf empfiehlt, erscheinen bei den 25 großen Publikumsverlagen, etwa Kiepenheuer & Witsch oder Ullstein. Eine Internetseite von Graf&Graf sucht man vergebens, ebenso ein Firmenschild am maisgelben Altbau in der Mommsenstraße. Agenten arbeiten im Verborgenen. Der Aufwand, unverlangt eingesendete Manuskripte zu lesen, lohnt sich für sie nicht. Debütanten kommen zu Graf&Graf nur noch auf Empfehlung der Etablierten. Vergrößern will die Agentur sich ohnehin nicht. Weil die Daseinsberechtigung für Heinke Hager & Co. die persönliche Kontaktpflege ist. In Zeiten, in denen Verlage unter Konzerndächer wandern, Lektoren sich die Klinke in die Hand geben und der verflochtene Buchmarkt wie eine seelenlose Maschine erscheint, ist der Agent oft einzige Konstante im Alltag der Autoren.Über beide Ohren im MarktHeinke Hager begleitet sie zwei, drei Jahre, von der ersten Idee bis zur öffentlichen Lesung, rät hier behutsam, den historischen Roman erst mal in der Schublade zu lassen, und gibt da Tipps, wie die Novelle rund wird. Ohne fundierten Lektürehintergrund unmöglich. Das Germanistikstudium hilft Hager bei den klassischen Gattungen, in die zeitgenössische Literatur sei sie "hineingewachsen". Im Frühjahr und Herbst studiert sie Verlagsvorschauen, Themen sieht sie kommen und gehen: Der Erfolg von zum Beispiel "Zonenkinder" ließe sich nicht mehr wiederholen, dafür sind Vater-Sohn-Geschichten, wie ein John von Düffel sie schreibt, zurzeit beliebt. Erfolgreiche Agenten stecken über beide Ohren im Markt. Nicht nur deshalb lässt sich inzwischen jeder zweite Autor vertreten. Um Vorschüsse, Tantiemen, Erscheinungstermin braucht er nicht selbst zu pokern. Sein Verhältnis zum Verlag bleibt von Bürokratie unbelastet.

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