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Wirtschaftsethik

Lernen von den Skandalen der Vergangenheit

Britta Domke
Wirtschaftsethiker Michael Schramm lehrt, was viele für ein Paradoxon halten. Seine Studenten lernen von den Skandalen der Vergangenheit. Sie sind als Moralapostel der Wirtschaft gefragt.
Wirtschaftsethiker bestimmen die UnternehmenskulturFoto: © Liz Van Steenburgh - Fotolia.com
"Wie sieht der denn aus?" Ein Raunen läuft durch Seminarraum S04 der Uni Hohenheim. Vorne auf der Leinwand echauffiert sich gerade ein Milchgesicht über die geplante Versenkung der Ölbohrinsel Brent Spar in der Nordsee. "Ich habe bis auf weiteres veranlasst, dass alle Dienstfahrzeuge der Bonner FDP-Parteizentrale nicht mehr mit Shell-Benzin betankt werden", poltert der blutjunge Guido Westerwelle mit hochmoralischer Empörung in die Kamera. Das war 1995.Dass Westerwelle damals spontan zum Öko mutiert sein könnte, nimmt ihm im Seminarraum niemand ab. Denn hier gehören Skepsis und ein gesundes Misstrauen gegenüber den Mächtigen zum Lehrplan. Selber denken statt PR-Phrasen glauben - wer hierher kommt, will mehr über Wirtschaft wissen als das Standard-BWL-Programm zu bieten hat. Vor vier Jahren wurde das Wahlpflichtfach "Wirtschafts- und Unternehmensethik" eingerichtet. Damals verirrten sich gerade sieben Studis in die Einführungsvorlesung. In diesem Semester sind es knapp 30.

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Ein Boss braucht mehr als BWL Wirtschaftsethik ist in Mode gekommen. BenQ, Mannesmann & Co. lassen so manchen Studenten ahnen, dass zu einer Führungspersönlichkeit doch mehr gehört als nur die perfekte Kenntnis von Rechnungswesen und Controlling. Und so haben zahlreiche deutsche Unis und FHs neue Studiengänge mit Ethik-Schwerpunkt gestartet. Was in den USA und Großbritannien längst zum Pflichtkanon der Business Schools gehört, ist hierzulande allerdings noch in der Aufbauphase.Schade eigentlich, denn das Fach Ethik gehört mit zum Interessantesten, was die Wirtschaftswissenschaften zu bieten haben. Wo sonst können Studenten die abenteuerlichen Ausreden der Wirtschaftsbosse und den Populismus von Politikern sezieren - streng wissenschaftlich, versteht sich?Von wegen Schmusefach"Für mich hat der moralische Verfall der Gesellschaft eine große Rolle gespielt", erklärt Marco Westphal, der später einmal als BWL-Lehrer arbeiten möchte, seine Wahl des Studienfaches. "Wenn ich irgendwann an einer Schule unterrichte, werde ich sicher auch das Thema Moral ins Rampenlicht rücken." Dass die Wirtschaftsethik seinem Gerechtigkeitsempfinden eine wissenschaftliche Basis gibt, ist ihm besonders wichtig.Auf einem anderen Weg ist Miriam Benner zur Wirtschaftsethik gestoßen: Ein Praktikum in einer Personalabteilung sensibilisierte die Studentin für Moralkulturen im Unternehmen. "Durch unser Studium schauen wir aus zwei Blickwinkeln auf die Wirtschaft", sagt die 23-Jährige. "Wir können erklären, warum Leute entlassen werden müssen. Und wir wissen, welche Verantwortung Führungskräfte tragen."Nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch: Wirtschaftsethiker wollen alles, und zwar sofort. Dass sie dafür mitunter Spott einstecken müssen, ärgert die Hohenheimer Studenten schon ein wenig: "Im Vertiefungsfach Bank würde ich nicht offen erzählen, dass ich auch Wirtschaftsethik gewählt habe", gibt der 27-jährige Marcus Müller zu. "Schmusefach", "Laberfach" - unter den Wiwis gilt die Ethik als Weichei unter den Vertiefungsrichtungen. Was sonst nur Geisteswissenschaftler erleben, passiert hier auch Betriebs- und Volkswirten - sie müssen sich für ihre Wahl rechtfertigen: "Was willst du denn damit?"Doch Marcus Müller hat gute Argumente: "Wer Wirtschaftsethik als moraltriefende Wissenschaft abtut, hat keine Ahnung. Hier geht es um Vertrags- und Spieltheorie, um harte Formeln." In der Tat: Die Materialien über Dilemmasituationen, die Professor Schramm online gestellt hat, sind wie jedes andere Wiwi-Skript gespickt mit komplizierten Grafiken und Theorien.

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